Natürlich hat niemand behauptet, dass es einfach wird. Alle anerkennen, dass der Weg aus einer Essstörung richtig hart und schmerzhaft ist.
Aber dann.
Dann, so möchte man meinen, wird das Leben so viel besser, qualitativer, freier, schöner, bunter, lebenswerter, reicher und man will nie nie nie wieder zurück. Und man lernt sich lieben in aller Unperfektion, weil das Leben unperfekt ist und man wieder ganz tief drin im Leben. Und man hat Freunde und einen Job und Hobbies und man lacht endlich wieder und weint auch mal, weil man die ganze Gefühlspalette endlich wieder spürt und man isst Kuchen und macht Sport, nur wenn man auch Lust darauf hat. Überhaupt isst man mindestens 2500 Kalorien, aber man zählt ja gar nicht mehr, aber ab und zu ein ganzes Pint Ben`n`Jerryss geht immer. Oder Pizza um Mitternacht. Und man möchte anderen Mut machen, weil das Leben so unvergleichlich schön und leicht ohne Essstörung ist. Und man hat trotzdem einen total flachen Bauch im Bikini und schöne Brüste und schlanke Arme und Schlüsselbeine, so scharf, wie nachgezogen. Und weil man zwar Normalgewicht hat, aber eben auch einen super Body und sich selbst endlich richtig liebt, postet man Bikiniselfies und oodt und so weiter.
Es gibt recoveryblogs, in denen man solche Geschichten liest.
Niemand schreibt, dass du auch mit allen Bauchübungen keinen definierteren Bauch, keine Abs, bekommst. Dass dein Bauch auch morgens nicht flach ist, sondern aufgebläht. Dass du ein Kleid anziehst und sich die Speckrollen darunter abzeichnen und du das Kleid vor Scham zerreissen möchtest.
Niemand schreibt von dem runden Gesicht, den "gesunden" Backen, den kräftigen Schultern, den schweren Brüsten, der schlaffen Haut, den Dellen, dem Gefühl, wenn die Oberschenkel aneinander stoßen.
Niemand schreibt davon, dass es weh tut in den Spiegel zu blicken, dass du weinst, weil du dich vor dir selber erschrickst und nicht weißt, wie du zu diesem Körper gekommen bist. Dass du die Magersucht vermisst und darüber nachdenkst, wieder zu hungern, dass du die Knochen vermisst und das Gefühl, dass jedes Kleidungsstück sowieso zu weit ist.
Du sagst dir, dass du Geduld haben musst, aber die ist gerade aufgebraucht und überhaupt, wie viel Geduld kann ein Mensch haben, nach all den Monaten in recovery und nur manches wurde leichter und schöner und vieles so schwer, anders schwer, und du erinnerst dich in plötzlicher Klarheit, warum du angefangen hattest zu hungern und wovor du all die Jahre Angst hattest, wenn du einen gesunden Körper haben würdest.
Niemand sagt, dass dieser Körper der heftigste Trigger sein kann, wenn du am wenigsten damit rechnest, unter der Dusche, nackt im Bad. Dass die Flashbacks von einer Gewalt sind, dass du gerne kotzen würdest, aber du kannst den Körper nicht weg kotzen.
Niemand schreibt von dem Neid, auf all die dürren Mädchen, die auf Instagram ihre Berge von Essen posten und dass du denkst, wie gut die es haben, die dürfen essen, die sind dünn.
Niemand sagt, dass du an SVV denkst, aber das hast du aufgegeben zusammen mit dem Hungern und Kotzen und du fragst dich, ob es das wert ist.
Liebe Anima,
AntwortenLöschenja, das ist es wert.
Alles, was gerade schwer und anstrengend und unliebsam, ist mehr wert als vom Kotzen aufgeschwemmte Speicheldrüsen, kaputte Zähne, saurer Atem, eine belegte Zunge und zerstörte Speiseröhre, innere Blutungen, Muskel- und Knochendeformationen. Mehr wert als zerstörte Beziehungen, sozialer Rückzug, verlorene Freundschaften, depressive Verstimmungen, Ängste, Selbstzweifel, Selbsthass.
Kurz: Mehr wert der langsame, doch unerbittlich voranschreitende Tod auf allen Ebenen.
Auch wenn es sich momentan anfühlt, als sei deine Geduld aufgebraucht: Bitte halte durch.
Die vermeintliche Hölle der körperlichen Veränderungen, mit denen du momentan nicht fertig zu werden glaubst, ist immer noch kleiner als die Hölle der Essstörung.
Ich denke an dich, Anna.
Liebe Anima, ja, du triffst es auf den Punkt. Das Leben, so wie es wirklich ist, wenn es einen vollkommen trifft ohne starkes Untergewicht als Schutzschild, ist hart und auch ich erlebe es oft so, und finde mich in deinen Worten wieder.
AntwortenLöschenAber dafür sind da dann auch wieder diese kleinen schönen Momente, die einen genauso vollkommen erfüllen können!
Und es ist generell besser aushaltbar, finde ich.
Ich schicke dir viele Grüße (und diesen Gedanken)!
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
AntwortenLöschenLiebe Anima,
AntwortenLöschenNein, es wird nicht alles wunderbar und super und leicht und toll, "nur", weil man die Essstörung besiegt hat. Die Probleme bleiben, und je nach dem können sie sogar schlimmer werden, weil es nicht mehr dieses "Deckmäntelchen" namens ES gibt. Es wird aber auch nicht alles wunderbar und super und leicht und toll, wenn man selbst leicht ist. Natürlich hat man eine Beschäftigung gefunden, wenn der Tag mit Abnehmenabnehmenabnehmen gefüllt ist und man sich Gedanken darum macht, wieviele Kalorien man heute noch verbrennen kann, anstatt sich zu fragen, wie es einem geht... und vor allem muss man sich nicht "richtig" mit dem Körper auseinandersetzen, denn der wird ja so gesehen weniger, anstatt einfach "da" zu sein.
Auf der anderen Seite... Anna hat das meiste schon aufgezählt. Der Weg aus der ES macht nicht automatisch alles toll und gut, und es ist nur normal und verständlich, dass es da immer noch Schwierigkeiten gibt, aber es ist auf jeden Fall ein Schritt in Richtung Leben... genauso wie das "Ablegen" von SVV.
Vielleicht brauchst du gerade auch keine Geduld, wenn sie aufgebraucht ist, sondern Kraft. Kraft und Durchhaltevermögen und einen großen Boxsack, auf den du einschlagen kannst, wenn deine Geduld sich nicht mehr blicken lässt und du nur noch sauer und wütend auf alles bist... und ich wünsche dir den Glauben, dass die Flashbacks über-leb-bar sind.
Alles Liebe dir. Ganz viele Einhörner zum Ankuscheln und Festhalten.
♥
Liebe Anima,
AntwortenLöschendu hast Recht mit deinem "JA ABER" und es ist gut, dass du es genau so geschrieben hast.
Vor etwa zwei Wochen wollte ich meinen Kleiderschrank umräumen. Wintersachen nach hinten, Sommersachen nach vorne. Dabei musste ich feststellen, dass mir ungefährt zwei Drittel der Sommersachen nicht mehr passen. Sie sind zu eng. Meine Lieblingshose war auch darunter, und die war nicht nur ein bisschen zu klein. Da habe ich mich so elend gefühlt, so widerlich, so erbärmlich und so FETT (auch wenn das kein Gefühl ist). Es hat so, so wehgetan, ganz ähnlich wie es dir mit deinem Kleid ergangen sein musste.
Und es tut immer noch weh, auch wenn dein JA ABER auch mein JA ABER ist.
Denn die Wahrheit ist, dass es egal ist, wie viel oder wie wenig wir wiegen - die Essstörung wird uns immer zurufen: Widerlich! Erbärmlich! Fett! Und manchmal bleibt uns nicht viel übrig, als dagegenzuhalten: Ich esse, lebe, atme trotzdem weiter.
Für heute Nacht wünsche ich dir viel Ruhe und Geborgenheit.
Alles Liebe, Anna.