http://freudichdoch.blogspot.de/

Sonntag, 6. Dezember 2015

Happy Nikolaus

Wir haben uns heute mit meinen Eltern zum Frühstück getroffen.
Es war mein Vorschlag, damit wir uns wieder einmal sehen. Obgleich wir nur etwa 2h Autostunden von einander entfernt wohnen, haben wir uns die letzten Jahre nur sehr selten gesehen. Das ausmaß und die schwere meiner Essstörung war daran hauptsächlich Schuld. Sie hat das Verhältnis zu meinen Eltern, insbesondere meiner Mutter stark gestört, zwischendurch fast vernichtet.
Doch jetzt und heute, wo es mir gut geht, möchte ich unsere Beziehung gern intensivieren. Damit wir einander wieder kennen lernen und mehr Nähe möglich ist.
Und doch, manchmal ist das so schwer.

Damit die Situation heute verständlich erklärbar  einordbar ist, muss ich ein bisschen was voraus schicken.
Ich glaube, meine Mutter hat nie begriffen/begreifen wollen, dass eine Essstörung eine ernsthafte, echte Krankheit ist. Und nicht nur eine Macke, eine schlechte angewohnheit oder sogar bösartiges Verhalten.
Anfangs hat sie versucht, sich sehr mit der Materie zu befassen und hat unglaublich viel darüber gelesen (und offenbar kein einziges Wort verstanden).
Irgendwann jedoch hat sie beschlossen, "die Anorexie" aus ihrem Leben zu verbannen, weil sie sonst auch daran zugrunde ginge.
Fortan tat sie so, als ob es die Essstörung gar nicht mehr gäbe. Bei unseren Telefonaten und den seltenen Treffen redeten wir über Nichtigkeiten. Sie fragte in den ganzen Jahren kein einziges Mal, wie es mir mit dem essen gehe, was ich aß, ob überhaupt, was ich wog, ob ich erbrach, ob ich regelmäßig einen Arzt sah. Natürlich war ich klar, dass ich nicht gesund war. Aber sie blendete diesen Teil meines Lebens schlicht aus. Ich meinerseits thematisierte es auch nicht, und informierte meine Eltern nur, wenn wieder ein Klinikaufenthalt unmittelbar bevor stand.
Und so blieb es bis heute. Sie hat nie ein Wort darüber verloren, wie sehr ich mich in den letzten zwei Jahren verändert habe, dass es mir endlich, endlich gut geht! Irgendwann dachte ich, dass sie das Ausmaß der Veränderung wohl tatsächlich gar nicht erfassen kann, wenn sie nichts davon wissen wollte, in welcher Hölle ich davor gelebt hatte.
Also sprach ich mit ihr. Ich erzählte ihr von meinem Wunsch, gesehen zu werden, gesehen in dem, was ich geschafft habe, mein Wunsch von ihr zu hören, dass sie stolz auf mich sei.
Ihre Antwort war, dass sie die Magersucht schon lange hinter sich gelassen habe, dass sie eben einfach nur Esther sei, nicht die perfekte Mutter, die ich mir wünsche, keine Therapeutin, einfach nur Esther. Und dass ich sie doch bitte so akzeptieren solle.

Doch ich schweife aus....jedenfalls trafen wir uns heute um elf, ich hatte einen Tisch reserviert, das Cafe war nett, das Wetter traumhaft, die Stimmung gut und gelöst. Jeder bestellte, das Essen war lecker und ich war unverkrampft und entspannt. Soooo eine Veränderung....nie wäre ein gemeinsames Cafefrühstück denkbar gewesen...aber meinen Eltern ist das wohl nicht klar.
Jedenfalls betrat dann eine unglaublich dicke Frau den Raum. So jemand, der eigendlich schon zwei Menschen ist. Wir sprachen darüber, wie man es so weit kommen lassen kann. Meine Eltern sind beide sehr schlanke Pesonen, insbesondere meine Mutter früher oft an der Grenze zum UG, seit den Wechseljahren im unteren Bereich des NG.
Darauf meinte sie, dass es sich wahrscheinlich manchmal einfach so entwickle.
"Seit ich nicht mehr rauche, habe ich zb total viel zugenommen! und ich bekomme es einfach nicht runter!"
Ich hatte nicht gemerkt, dass sie anders aussah als vor einem halben Jahr oder unserem letzten Treffen, hielt aber den Mund. Mein Freund sagte:
"Aber warum willst du überhaupt abnehmen, Esther? Ich meine, von außen sieht man gar nichts!"
Darauhin sie, ärgerlich:
"Aber ICH sehe es! Und mich stört es, ich finde es unästhetisch, das ganze Fett, das jetzt an mir herumwabbelt! Das gefällt mir nicht und ich will es weghaben! Zum ersten Mal verstehe ich die Probleme anderer Frauen, zum ersten Mal in meinem Leben weiß ich, was Schwimmringe sind! Und das Problem ist: Ich kann nicht mehr hungern! Wenn ich jetzt hungrig bin, muss ich einfach etwas essen!"
Sie sagte das so empört, als spiele ihr Körper ihr einen miesen Streich.
Ich begann:
"Du musst ja auch nicht hungern, du - "
Sie unterbrach mich:
"Doch! Doch, das will ich aber! Eine Woche lang hungern, dann ist alles wieder weg und ich kann zu meinem normalen Leben zurückkehren und würde aufpassen, dass es nicht wieder so weit kommt."

Das war der Augenblick, in dem ich auf meinen Löffel starrte und mich fragte, ob ich weiter essen wollte.
Ich tat es, weil ich mein Essverhalten von niemandem mehr abhängig mache, schon gar nicht meiner Mutter. Und doch...
Ich schwieg dann. Das Gespräch begann langsam eine andere Richtung zu nehmen.
Wir waren drei Stunden in dem Cafe. Es war nett und entspannt.
Wie traurig und fassungslos mich irgendwie diese Sätze meiner Mutter doch gemacht haben, bemerkte ich erst im Auto, als ich mit meinem Freund darüber sprach.
Mama, ich glaube, wir werden einander nie wirklich nah sein. Dafür verstehen wir einander zu wenig. 






Vermutlich fragen sich jetzt manche: Und dein Vater?
Tja, mein Vater. Er ist ein sehr, sehr lieber, fürsorglicher Mensch. Und doch versteht auch er die ES nicht, will auch er "vergessen" (Zitat), würde er nie meiner Mutter wiedersprechen.

4 Kommentare:

  1. Als Frage: kann es sein, dass deine Mutter eine Essstörung hat und vielleicht deswegen auch nicht verstehen *wollte*, was sie da las und was mit dir ist/war - weil das ja bedeutet hätte, dass sie sich mit sich selbst hätte auseinandersetzen müssen?
    Eine Woche lang hungern zu "wollen" beziehungsweise das überhaupt in Erwägung zu ziehen ist für eine erwachsene Frau in den Wechseljahren (setzt ja irgendwie ein gewisses Maß an Reife und Wissen ;) voraus) ... hm. Komisch.
    Vielleicht ist nicht das Problem, dass ihr euch nicht versteht... sondern dass sie dich versteht, das aber nicht begreifen will und infolgedessen "nichts" versteht.
    Vielleicht ist das Schwachsinn, aber das waren so meine Gedanken dazu...

    Aber zu dir: es freut mich sehr, dass es dir wieder gut geht. Ich habe deine letzten Posts gelesen, und ja... es gibt Rückschläge... aber es wird auch wieder besser. <3 Ich wünsche dir viel Kraft und Mut und ganz viel Flausch ;)

    AntwortenLöschen
  2. ich würde mich achlys anschließen, das ging mir auch so durch den kopf beim lesen des posts...
    es tut mir sehr leid für deine mutter und dich, dass ihr wohl in diesem leben nicht mehr zueinander finden werdet. ich habe das gefühl, dass die beziehung zu meiner mutter nach der akuten schrecklichsten phase meiner ES eher stärker geworden ist, da wir viel übereinander gelernt haben. es würde etwas unglaublich großes fehlen, wenn wir keine gute beziehung zueinander hätten.
    würdest du sagen, dass du da was vermisst? oder ist es vielleicht besser, sich damit gar nicht so genau zu beschäftigen?
    dieses "vergessen wollen" kenne ich auch ein wenig von meiner mutter (die, kurz angemerkt, als jugendliche ebenfalls eine essstörung hatte). allerdings nur in einzelnen momenten als auf lange sicht, aber schon so, dass es extrem auffällig war, dass sie versuchte, die essstörung aus unserem leben zu drängen.
    immer dann, wenn mein kreislauf mal wieder schlappgemacht hatte, ich umgekippt war oder von der schule nach hause geschickt wurde etc. es lag auf der hand, dass das die folgen der ES waren, jedoch stellte sie immer andere thesen auf, die fast schon peinlich weit weg lagen.

    AntwortenLöschen
  3. es kommt ja au nie darauf an viel zu lesen, sondern das richtige. wenn ich nicht von praktikern lese (mädchen wie "lilly lindner") sondern iwelchen theoretischen mist von therapeuten, dann bringts natürlich nix. selbst wenn man man die ungeschönten gedanken wie zb in wintermädchen liest, dann is es als "normaler" ja schon kaum greifbar oder näherbar...und wenn man dann den anspruch hat nach der ursache zu suchen, dann muss man als eltern scheitern, weil die erkrankten selbst die nicht mal kennen und wenn man anfängt als eltern sich vorwürfe/mitschuld zu geben, erhöht das freilich die akzeptanz ne...ihre reaktion dann es zu ignorieren, halte ich für richtig. und die worte am ende zu fett&hungern könnten so 1:1 von mir sein, nix gegen essen, aber sowie es iwo anfängt zu wabbeln, sofort gegensteuern und alles is wieda prima^^ (bei mir in der familie is es anders, alle jammern über ihr fett, aber es bleibt halt bei leeren worten, die langfr. konsequenz gibts nicht, aber da muss man tolerant sein und die auch konsequent bei sich einfordern)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. kleiner tipp dazu, für etwas verständnis gegenüber deiner mutter: birkenbihl's vortrag zur pragmatischen esoterik (der kleine weg zum großen selbst). ich find, die argumente von ihr passen oder erklären ziemlich perfekt, warum dass sie so geahndelt hat.
      und was fehlt, wenn ich verschwunden bin, von lilly lindner, fand ich schon sehr nahe an der realität, weil in dem buch is es zweifelsohne das hauptgeschehen (wintermädchen von anderson natürlich noch näher).
      sie's aber auch für dich als positiven und guten test, dass du dich nich (mal) mehr von außen/anderen triggern lässt..vg

      Löschen