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Samstag, 3. September 2016

Konjunktive

Lange Zeit habe ich mein Leben gelebt, als hätte ich eins in Reserve in der Hosentasche.
Tatsächlich.
Die Tage, Wochen, Monate, verbracht mit Fressen und Kotzen, Selbstverletzung und -hass, Tränen und Schlafen fühlten sich nicht wirklich verloren und vertan an.
Aller Realität und Ratio zum Trotz beharrte ein Teil in mir darauf, dass ich ab dem perfekten, dem einen, dem richtigen Tag, dem, ab welchem ich gesund sein würde, mein Leben noch ungelebt und reich vor mir haben würde - so, wie es sich für einen jungen Menschen gehört. Gleich einem unbenutzten Skizzenbuch hätte ich endlich alle Farben zur Verfügung. Ich hätte nicht die Jahre meiner frühen und späten Jugend im schmutzigen Dunst zwischen hungern, Supermärkten und Toiletten, Waldwegen, Kliniken und Krankenhäusern verschwendet.
Vielleicht würde ich sogar noch weiter, noch früher zurück gehen können, vor Beginn der Essstörung, vor das Traumageschehen, vor den Bruch, den die Pubertät in meinem Erleben bedeutet hatte.
Und ich würde dieses 10jährige ich an der Hand nehmen, mutig würde sie sein, und stark und wild und neugierig und unbändig und begeisterungsfähig und lieb würde sie sich haben. Und ein Umfeld wäre da, das sie ermutigen und bestärken und begeistern und fördern und wachsen lassen und lieb haben würde.
Ich würde lernen, spüren, schmecken, fühlen, reisen, wachsen, hören, tun, erproben, verlangen, ausbalancieren, erkunden, erforschen, lieben, bemerken, träumen und staunen.
Ich würde über meine Fehler weinen in dem Bewusstsein, dass sie zu mir gehören - und nicht ich zu ihnen.


Aber natürlich ist es so nicht gewesen.
Wir leben in die Zeit hinein, nicht aus ihr heraus.
Und so bin ich in all den Jahren, die so ganz anders waren als die gesunder junger Menschen, doch irgendwie erwachsen geworden.

Ein Arzt hat zu mir gesagt, wenn ich es je schaffen würde, gesund zu werden (in aller Vorsicht beim Gebrauch dieses Worts), würde ich vermutlich eine Phase großer Trauer erleben. Trauer über alles, was war und was dadurch eben nicht war. Alles, was hätte stattdessen sein können.
Manchmal fühle ich mich wehmütig oder bedauernd.
Aber ich trauere nicht.
Wenn die Zeit nicht gewesen wäre, wie sie war, hätte ich wohl niemals den Menschen kennen gelernt, den ich mehr liebe, als es Worte gibt, den ich brauche, den ich will.
Natürlich - ich wäre ein anderer Mensch und vielleicht hätte diese andere Anima diesen einen bestimmten Menschen dann gar nicht gebraucht und gewollt und geliebt und ihn gar nicht vermisst.
Und genau deshalb trauere ich nicht.
Denn vor diese Alternative gestellt, bin ich lieber der Mensch, die Person, die ich heute bin.
Mit ihm und seinen roten Strümpfen neben mir auf unserem viel zu hellen IKEAsofa, mit dem erschöpften Fellmonster zu Füßen (6 km Wanderung), mit all der Liebe, mit allem, was war und viel wichtiger: allem, was ist.

6 Kommentare:

  1. "(...) über meine Fehler weinen in dem Bewusstsein, dass sie zu mir gehören - und nicht ich zu ihnen."

    deine worte sind so schön, anima.

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  2. Hey,
    heute komme ich endlich dazu dir zumindest auf deine Kommentare zu antworten. Zu aller erst vielen lieben Dank für deine Worte und dein Interesse. Ich habe mich sehr gefreut von dir zu lesen und werde mir die Tage Zeit nehmen auch deinen Blog mal zu durch stöbern. Zu deinen Fragen bezüglich des Ausbildungswegs habe ich einen eigenen Post in meinem Blog verfasst. Falls danach noch Fragen offen sind, nur her damit :) Zu deiner Frage mit dem Parfüm: Es gibt einen inoffiziellen Codex. Man wird darin mündlich eingewiesen bzw. das Wissen darüber wird vorausgesetzt was angemessenes Verhalten angeht. Pflegepersonal oder Ärzte in Krankenhäusern halten sich da z.B. auch dran. Ich unterstütze jemanden in einer schweren Situation und da gehört es nicht hinein falsche Signale zu setzen. Zu Mal man sich ja auf einer gewissen Ebene vertraut wird und da darf es nicht zu Missverständnissen kommen. Es ist und bleibt eine Arbeitsbeziehung. Die kann wohlwollend und warmherzig und offen sein, aber sie wird nie mehr sein. Und das ist okay ;)
    Ich hoffe es beantwortet ein wenig deine Frage.
    Ich freue mich natürlich immer über Kommentare, Meinungen oder Impulse. Auch kritische.

    Alles Liebe
    Fee <3

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  3. Hmmm... Der Name sagt mir was, ja. Ich glaube, die ist mir zu wp-Zeiten mal begegnet, ich habe den Blog hin und wieder mal gelesen, bin ihr aber nie gefolgt o.Ä. und auf ihren wp-Blog habe ich jetzt auch keinen Zugriff, hab aber mal über einen alten Account angefragt. Dass der Name Achlys auch von jemand anderem benutzt wird, wusste ich, aber das mit Schattenfarbe etc. ist ... naaaaja. Wir sind das auf jeden Fall nicht.

    (Und der Eintrag ist so, so schön.)

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