Ich
versuche heute mal ein gedankliches Experiment mit euch zu teilen,
das ich früher bisweilen durchgespielt habe. Und bin gespannt, was
euch dazu einfällt!
Die
Innenwelt, in der ich mich gewöhnlicher Weise die letzten Jahrzehnte
aufhielt, war eine des Selbsthasses. Er war das Haus, naja, die
Ruine, in der ich wohnte. Kein Dach, nur Mauern, diese dafür umso
fester. Und einen Keller voller Geister. An den Wänden klebte
Selbstbestrafung, darauf wie Graffitti gekritzelte Beschimpfungen,
Erniedrigungen, Spott, Häme, sich ständig wiederholende Sätze. Ich
schlief auf einem Haufen Abwertungen, den ich zusammengetragen hatte,
und der sich hart in meinen ausgezehrten Körper bohrte. Ich trug
Verachtung und Ekel auf meiner Haut, und es brannte und juckte und
offene Wunden schwärten. Das Feuer, das ich aus Suizidgedanken
entzündete, loderte so kalt, dass mein Körper sich lila verfärbte
und ich meine Hände nicht mehr bewegen konnte. Falls ich aß, war es
verdorben und unverdient, und ich erbrach es voller Bitterkeit.
Über
den Wänden meines Heims konnte ich den Himmel sehen, der sich in
jeder Minute veränderte und ich flüsterte meine Hoffnung hinein,
wie ein Kind Seifenblasen pustet.
Der
Himmel blieb gleichmütig, er war mir weder freundlich, noch
unfreundlich gesonnen, wenn es regnete, tat er es nicht aus Bosheit
und wenn die Sonne schien, nicht aus Freundlichkeit. Manchmal trat
ich hinaus und blickte ins Land, das einfach nur war, mich nicht
einlud, mich nicht erwartete, mich nicht abwies. Ich fragte mich, ob
es jenseits der Wiesen Häuser gab mit geschlossenen Dächern und
voller Wärme, Häuser der Begegnung und des Respekts, Häuser des
Trosts und der Nähe. Der Himmel hatte mir davon erzählt, ich hatte
ihm nicht geglaubt. Und selbst wenn es sie gäbe, diese Bauten des
Vertrauens und der Klugheit, so würden ihre Türen für mich gewiss
verschlossen bleiben. Kein Zimmer stünde dort bereit, mich
aufzunehmen, kein Lächeln im Gesicht eines Freundes hieße mich
Willkommen, kein gutmütiger Blick eines Fremden würde mich
einladen.
Nicht
für mich. Denn mein Zuhause war der Abgrund, an dessen Rand die
Ruine stand und in den ich in regelmäßigen Abständen stürzte oder
sprang, und wenn ich sicher glaubte, tot am Grund zerschellt zu sein,
lag ich nur in meinem enormen Schmerz und weinte tränenlos. Bis ich
doch wieder hinaufkroch auf den Felsenrand, zurück in das, was ich
Zuhause nannte.
Der
Selbsthass war schlicht die Basis meines Denkens und Empfindens. Ich
hatte nichts Gutes verdient, alles Schlechte, jede einzelne Qual,
jede Bestrafung und jeden Kummer dagegen schon. Wenn mir jemand
einfach so freundlich gegenüber trat, verursachte mir das beinahe
körperliche Schmerzen und oft musste ich mich hinterher dafür
„bestrafen“.
Irgendwann
tauchte dann in mir diese Frage auf:
Ich
hasse mich. Ich denke mir immer wieder wirklich fiese Dinge aus, um
diesem Selbsthass nachzukommen, tue mir echt krasse Dinge an, WEIL
ICH ES VERDIENE!
Wie
zum Beispiel, mich auf 30kg herunter zu hungern, zu fressen und zu
kotzen, bis ich nicht mehr gerade stehen kann, mir die Arme zu
zerschneiden und zu verbrennen, Schlafentzug, Schläge, Trinkentzug
etc.
Ich
bin also immer auf der Suche nach etwas, das mir Pein bereitet.
Und
was würde mir als eine richtig krasse Bestrafung vorkommen?
Gut
zu mir zu sein. Mir essen zu geben, ZUZUNEHMEN, liebevoll mit mir
umgehen.
Das
kam mir als so ziemlich das Furchtbarste vor. Unvorstellbar.
Warum
also eigentlich nicht den Selbsthass mal mit seinem Gegenteil
füttern?
Er
brüllt: „Tu etwas, das dich so richtig quält, das du kaum
aushalten kannst!“
Wie
wäre es also mit Essen und Zunehmen?
Könnt
ihr mir folgen? :-)
Im
Übrigen habe ich es nie getan....“seltsamer Weise??“ ging mein
Selbsthass nie soweit, das „ganz, ganz Böse“ mir anzutun: zu
essen und zuzunehmen.
Verrückt.
Oder?
Liebe Anima,
AntwortenLöschenich bin deinem Gedankenexperiment gefolgt, und bei mir kommen am Ende folgende Gedanken:
das Essen, das Schlafen zuzulassen, und den Körper unverseht zu lassen, um dich (also deine Psyche) zu bestrafen (denn die wollte ja in dem Moment etwas anderes), wäre tatsächlich genau das Gegenteil von dem, was du getan hast. Scheinbar gab es einen Grund, dass du "lieber" deinen Körper geschädigt hast und damit den Rufen deiner Psyche gefolgt bist. Irgendein Leid da drin war stärker, als das Leid, dass du dir dann selbst zufügtest. Da sieht man nur wieder, wie starke "Kopfwesen" wir sein können, finde ich.
Alles, alles liebe!
Liebe Anima,
AntwortenLöschenwahrscheinlich hast du dir das nie angetan, weil Essen, sich versorgen und lieben eben nicht aus der Hassmotivation heraus geschehen kann. Das würde nicht funktionieren, denn obwohl Hass und Liebe in der Intensität sich ähnlich sind, sind sie doch so weit voneinander entfernt...
Drück dich,
Emilia
Denselben Gedankengang hatten wir interessanterweise auch schon öfter...
AntwortenLöschenVielleicht erscheint es auch einfach "vertrauter" und "sicherer", sich weh zu tun, anstatt "gut" zu sich selbst zu sein? (Was man ja nicht verdient hat usw.) Beziehungsweise, dass dieser Schmerz durch die Selbstverletzung aushaltbarer ist (weil körperlich? Egal, ob nun durch Schneiden, Hungern, usw.) als der "mindfuck", wenn man etwas getan hat, was man seiner Meinung nach nicht "verdient"...
Ich habe gestern am Hauptbahnhof hier einen Menschen mit solchen Sandalen gesehen und musste an dich denken -.- NRW :D
Einen Schirm für 160 Euro? O.O
Danke... Fühl du dich auch gedrückt, wenn du magst :)
Achlys
Liebe Anima, (und alle anderen, die den Kommentar evtl. lesen: Triggerwarnung!)
AntwortenLöscheninteressanterweise habe ich so ein ähnliches Gedankenspiel mal durchgespielt, nur andersherum. Ich weiß noch, wie ich bei meiner Therapeutin saß und ihr versucht habe, ganz logisch klar zu machen, dass ich mich liebe und mir Gutes tue, weil es für mich nichts erleichternderes, liebevolleres, kümmernderes gibt als zu hungern und mich selbst zu verletzen. Deshalb funktioniert dieser Gedanke sorum auch nicht wirklich, für mich war Selbstverletzung immer ein Akt des Kümmerns, es war wie sich abends die Beine eincremen, ich habe im Bett gelegen, Musik gehört und mich richtig wohl gefühlt, vielleicht noch mit einem Tee und Klingen. Das klingt wirklich paradox und ist es wohl auch, aber ich habe mir eingeredet, dass das meine Form von Selbstliebe ist. Wenn ich gute Noten in der Schule hatte, habe ich mich damit "belohnt", wenn es stressig war, habe ich mich damit runter gebracht. Es ging nie um Bestrafung, lediglich um die Erleichterung, mich zu fühlen.
Alle alle alle haben mir xtausend mal gesagt: Du nimmst dich mit. Du kannst dir nicht entfliehen. Auf dem Seminar haben wir einen ganzen Tag dem Thema "das schwerste Gepäck bist du selbst" gewidmet. Ich habe darüber mit meiner Therapeutin gesprochen und mit Freunden und ich war mir sicher, das zu wissen und zu verstehen.
Naja, und jetzt stehe ich hier und was passiert ist, ist absolut überraschend unglaublich nie gedacht: Ich hab mich mitgenommen. Das irritiert mich, darauf war ich nicht vorbereitet. Ich wusste es, aber ich habe trotzdem nicht ganz begriffen, was es wirklich bedeutet (das versteht man vielleicht auch erst nachdem man es wirklich mit eigenen Augen sieht?!) Ich glaube, du hast ein bisschen Recht, obwohl ich versucht habe, es zu verstehen, dass ich auch hier kein unbeschriebenes Blatt bin, habe ich es mir gewünscht. Aber ich habe immer noch Narben und die sieht man immer noch und die Leute gucken auch noch und fragen, und auch hier hat das Essen Kalorien und ich Gewicht.
Und ja, es fühlt sich an wie Scheitern, an mir und diesem so schweren Leben. Trotzdem will ich mich immer und immer wieder gegen die Selbstzerstörung entscheiden - denn ich bin geflogen, um ein Jahr zu erleben, nicht zu überleben.
Danke, für all deine schönen Worte und dein Verstehen.
Eine warme Umarmung,
Anna
das ist auch nur logisch, denn MS und laufen trifft fast schon eine synergie. bei mir ging es 2007 ähnlich, als fließenden übergang von einem dünnen, aber nicht psychisch kranken marathonläufer zur MS, als die MS die lücke gefüllt hat, die durch die leere nach dem ende mitm mara entstanden is. die MS is ja oft, vll. sogar stets, eine kompensation, ein lückenfüller, der etwas verlorenes, ersehntes ausgleicht, zeit und gefühle, die mit hingabe gefüllt werden wollen. und da sind die MS und laufen fast unschlagbar, weil sie gefühle ersetzen und einem vorspielen können, die einem sonst nur menschen in form von zuneigung, liebe geben...aber etwas, dass aus der anamnese nicht hervorging ist, dass der arzt auch mit hohem respekt den status quo anerkannt hat, denn in relation mögen 48-49kg immer wenig klingen, aber wenn man sieht wo jmd. herkommt, mit 10k weniger (39) fünf jahre zuvor, dann kann man eben au ne sagen, der weg oder alles auf dem weg wäre falsch, ganz im gegenteil, wenn die entscheidung fürs laufen falsch wär, dann wäre ich immer noch in klinik & sehr kritischem untergewicht, was ne selbstverständlich is, bei einer potentiell chronischen erkrankung. daher muss man immer au kleine wege anerkennen und ich hatte wie viele andere nie den anspruch eines recovery im sinne von normalgewicht, und wenn man davon ne überzeugt is, dann is es legitim und konsequent einen mittelweg zu suchen, dass der natürlich dann au ne frei von kritik is, is kla. so wie man auch dicken menschen vorwürfte macht, dass sie vll. genau andersrum, undiszipliniert und zu großzügig, mithin selbstfürsorglich zu sich seien... aber richtig is, da bin ich bei dir, auch bis zum schluss, also 39kg bin ich auch immer noch gelaufen, aber es wurde von monat zu monat wneiger, am anfang wars au schon mal nochn gutes stündchen aber iwann gingen nur noch 30min maximal, und am ende ham auch 10min gereicht bzw. mussten reichen, weil dann iwann nur noch umgekippt. also wirklich innem bereich wo wirklich ne mea viel leben is. und des sind denn doch welten zum hier und jezz, daher nehm ich die kritik au vll. ein stück weit gelassen. aber es is ganz klar eine spannende und berechtige hypothese: mehr gewicht = schneller laufen. aber das is wie mit den 6 lottozahlen, wenn man sie empirisch voraus sagen könnte, würde jeder lotto spielen, aber so einfach is es eben ne. es wäre schön wenn es so wär und dann wärs mir auch jedes kg wert, aber so einfach is es halt eben ne, weil dann hat man z.b. auch mehr muskulatur, die verbraucht mehr energie und vor allem sauerstoff, beides muss der körper bereitstellen, und das is gar ne so einfach... das leben is ja immer ein abwegen aus vor- und nachteilen und am ende muss man prioritäten setzen, wenn die deine gesundheit is, dann isses dein gutes recht es so. bevormundung gehört ne in mein freiheitsdenken, daher akzeptiert. genau so aber akzeptiere ich au die überzeugung von kate moss, die ne im verdacht steht eine vorzeigenormalgewichtige zu sein, sondern die au seit 20j pro dünnsein is - authentisch und konsequent. das find ich gut. ich muss sowieso sagen, ob eine frau dick oder dünn (die krasse extreme jeweils ausgenommen) spielt keine rolle in meinem werturteil like nur dünne sind toll oder umgekehrt sondern da gehören viel wichtigere dinge ins urteil. was ich ne verstehn kann is, wenn jmd sich wohlfühlt aber alle dem menschen sagen du musst fitter werden und muskulös sein, damit du attraktiv bist fürs andere geschlecht und dann macht der mensch fitnesstraining obwohl er es hasst, nur um sich dem ideal gefügig zu machen. das muss letztlich zum scheitern verurteilt sein. MS hin oder her, man muss au spaß am laufen haben. in dem sinne kind regards
AntwortenLöschenhaha* :D also das kann ich aber mal auf sicher ausschließen, in meinem haus/wohnung wird niemals ein hund einzug finden! da nehm ich lieber einen affen... aber ja, was soll ich dazu sagen, tolle frau, oder zumindest schwester im geiste. es unterschied bzw unterscheidet sich bei mir im kern nicht. 365 tage im jahr training (wettkampfregeneration ausgeklammert), ganz gleich welches wetter, ganz klares zeitliches ziel vor augen, marathon unter 3h laufen. gut, ich lauf seit je her ohne uhr, spielt aber keine rolle, weil ich intuitiv inzw. genau weiß in welchem min/km und wie lange ich laufe.. aber ähnlich erging es mit beim läuferknie, da war im ersten moment panik, das kann ich aber wohl au zum besten geben. was jezz? 1 jahr kein laufen, von jezz auf gleich, das leben weggerissen, die gewohnheit, 2h täglich aus dem ablauf gestrichen, aber man erfindet sich ja immer wieder neu, weil "wer stehen bleibt, der stirbt". aber es fing genau tatsächlich so an, vom ansatz her: wer essen will, der muss es sich verdienen. beim eiskunstlauf kommt auch erst das pflichtprogramm vor der kür. was zwar ein anstoßhebel in die richtige richtung sein kann, weil es eben bedeutet, ja, wer laufen will, der muss auch essen, weil ohne energie kein laufen. die richtung is freilich gut, die umgekehrte nicht. denn was, wenn das mit dem laufen ne mea geht, wie bei verletzung oder krankheit? und da hab ich mich in der tat schwer getan anfangs, inzw. is es tatsächlich und in real kein problem mehr, aber der kopf sagt immer noch, oder zumindest eine hörbare stimme, es is ne richtig, zu essen, wenn vorher keine sportliche leistung erbracht wurde. die stimme kann man mit argumenten entkräften, ja, aber will ich wohl zugeben, es kostet zeit und nerven^^ nichtsdestotrotz darf man durchaus das positive sehn und das klingt ja bei dir nach sportlichen höchstleistungen also da müssten ja fantastische bestzeiten bei rausgekommen sein! tatsächlich hab ich aber au wieda so angefangen, denn man verlernt ja durch die MS die basis wie essen, schlafen, laufen.. was man sich alles neu erlernen muss. und dann macht man kleine schritte von 30min auf 45min und in dem maße kann man dann au das essen steigern und damit wiederum den schlaf.. und ich kann nur aus meiner empirie sagen: laufen ohne uhr macht glücklicher, es nimmt den druck, es bringt die synergie mit naturgesetzen zusammen, insb. der intuition aber auch den sinnesorgangen wie haptik oder olfaktorik. das gibt einem alles schon sehr viel - is nich ganz grundlos in vielen teilen der welt volkssport..gl
Löschenich habe selten einen so treffenden vergleich gelesen, wie du ihn beschrieben hast. und es gibt wirklich wunderschöne häuser jenseits der ruine. ich habe sie gesehen, ich war schon einmal dort, nur für kurze zeit, es war viel mehr wie eine besichtigung, aha, das ist die welt also, sehr fremd, sehr schön. und dann bin ich zurück in meine ruine gekrochen, weil die welt dann doch sehr schnell sehr intensiv war, in ihrer ganzen schönheit und farbenpracht.
AntwortenLöschenund jetzt habe ich eine weile in meiner ruine überlebt und beschlossen, noch einmal zu den häusern zurückzukehren. und wenn es geht, für immer da zu bleiben. und damit ich es auch schaffe, will ich mich ganz langsam bis dahin tasten, nicht alles auf einmal sehen wollen, es reicht erst einmal nur ein mensch und der zeigt mir dann sein haus und dann seine familie und dann die nachbarn und freunde und die umgebung... vielleicht merke ich ein bisschen später irgendwann, dass ich die ruine gar nicht vermisse und die welt nicht intensiv sein muss und ich mich darauf einlassen kann, vielleicht.
<3