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Mittwoch, 9. September 2015

Was eine Mail manchmal bewirkt

Dein Mann hat eine Rundmail an wohl wirklich alle Bekannte geschickt mit einer Einladung zu eurer Hochzeit, also der Nachfeier nächsten Sommer. Geplant ist ein rauschendes Fest mit 100 Menschen, von denen ich mehr als die Hälfte nicht kenne und den Rest nicht besonders mag. Das Ganze wird mehrere Tage gehen, verbindet quasi Urlaub mit Feiern.

Wenig wirft mich so aus der Bahn
wie du.
Selbst wenn es jetzt dein Mann war, der schrieb. Wir sind wohl noch im Verteiler.

Manches wird mir ganz langsam deutlich. Etwa, dass du Verbindungen zu den Tätern hattest und, vielleicht ohne es zu wissen und nur um mir weh zu tun, ihre Seite vertreten hast.
Irgendwie hast du eine Stellvertreterrolle bekommen.
In die suche ich, eher unbewusst, Absolution.
Nach all den Jahren.
Als könnte eine Form von Akkzeptanz deinerseits die geschlagenen Wunden heilen.
Nach all den Jahren krümmt sich der junge Anteil in mir, bäumt sich auf und ruft sehnsuchtsvoll:
"Sagt, dass ich okay bin. Sagt, dass ich ein Mensch bin, dass ich Würde und Achtung verdiene, dass ich liebenswert, berührenswert bin und Grenzen haben darf! Sagt, dass man behutsam mit mir umgehen muss, gleich einem Wesen, vor dessen Leben man Respekt empfindet! Sagt, dass ich eine Existenzberechtigung habe!"
Die Täter werden das nie sagen (können). Sie sind aus meinem Leben verschwunden   Ihre Realitäten sind aus meinem Leben verschwunden, ihre Abbilder jagen mich durch Alpträume, bis ich bettelnd vor ihnen liege. In Wahrheit habe ich nie gebettelt. Ich habe gelächelt und das getan, vor dem  Erich Kästner so eindringlich warnt:

"Was auch geschieht, nie dürft ihr so tief sinken, als von dem Kakao durch den ihr gezogen werdet, auch noch zu trinken."

Ich trank, ich trank wie eine Verdurstende, trank wie Dumbeldore am Ende seiner Reise - und verbrachte die nächsten Jahrzehnte damit, auszukotzen.

In mir flackert noch immer der Wunsch nach Ent-schuldigtwerden durch die Täter. Als ob ich nur durch die, die mich in Stücke rissen und benutzten, auch wieder heilen könnte, durch ihre Gnade.

Und irgendwie bist du zu der Figur geworden, die diese Funktion innehat.
Ent-schuldigen. Aufrichten. Heilen.

Mein Kopf beginnt ganz vorsichtig zu erahnen, dass das nur ein Konstrukt ist.
Mein Gefühl wimmert Hab mich doch bitte, bitte, bitte lieb!!


Das Winterkind kommt früher als ich dachte. Noch wenige Wochen.
Ich brenne.

1 Kommentar:

  1. All das kannst nur du dir selbst irgendwann sagen, so dass es reicht und ich hoffe, dass du es bald kannst.
    So Erinnerungen aus dem Nichts sind schwer zu ertragen.
    Ich glaub an dich.

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