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Donnerstag, 22. Januar 2015

nichtgut - edit

Ich habe mir vorgenommen, auch an nichtguten Tagen zu bloggen.
Auch, wenn mir nicht wirklich etwas einfällt. Ach, ich könnte kurz auf eine Frage eingehen:

Hast/hattest du eine Essstörung?

Ich hungerte mich durch viele Jahre meines Lebens.
Ich fraß mich selber auf und kotzte mich in zahllose Toiletten.
Ich rannte durch die Wochen, Monate, Jahreszeiten.

Ich glaubte, in mir ein Monster zu tragen, das schuldig, schlecht, ekelhaft, böse, schlecht, schlecht, schlecht sei und das ich auslöschen müsste. (Was nie gelang...)
Ich floh vor den Menschen, weil ich sie fürchtete.

Ich trug einen viel zu leichten Körper in Kliniken und Krankenhäuser, zu Ärzten und Therapeuten und wollte gerne glauben, dass es nur darum ginge, wieder essen zu lernen.
Mit jedem Kilo kam das es in mir stärker zurück.
Ich glaubte, mich umbringen zu müssen.

Und hungerte lieber weiter.













Das ist heute vorbei. Vergangenheit.
Dank eines wundersamen Ortes, der mich fast 1,5 Jahre (nicht am Stück) allmählich heilte.
Dank des Mannes.
Dank der Kleinen.
Dank meiner Selbst.

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Edit:

Warum ich trotzdem noch nichtgute Tage habe?
Weil ich immer noch nicht heil bin. Ich fühle mich wieder mehr wie ein Ganzes, aber dadurch bin ich noch lange nicht wieder heil.
Oder gesund.
Oder unberührt.

Ich glaube nicht unbedingt an Diagnosen.
Oh, sie sind überaus wichtig - um bei den Krankenkassen Geld dafür zu bekommen, dass dies oder das getan, gesagt oder gegeben wird.
Auch dafür, um in eine Schublade zu passen. Das ist gar nicht immer das Schlechte. Wenn ich zu einem Psychiater gehe und sage: F so und F so und F so, nickt er verstehend (ohne zu begreifen) und verschreibt mir die länglichen und die runden und die kleinen, ovalen Tabletten, ohne weiter nach zu haken. Das ist praktischer, als wenn ich ihm mühsam all die Symptome zusammen stammeln müsste.
Aber als Identifikation taugen Diagnosen nicht.

Als ich meine Periode mit 38kg bekam, schrieben sie auf den rosa Einweisungsschein "atypische Anorexia nervosa". Oh-Oh. Atypisch = nicht gut genug im Wettbewerb der Hungermädchen. Nicht dazugehörig, nicht wirklich eine von ihnen.

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Als ich zu einer probatorischen Sitzung eines Analytikers ging und die PTBS erwähnte, fragte er: "Wann geschah den XY?" "Da war ich XY Jahre alt." "Was, so lange her ist das schon?? Was haben Sie für Symptome?" "Vor allem starke Alpträume mit Körpererinnerungen." "Alpträume? Dann ist das keine richtige PTBS."
Schon wieder war ich nicht gut genug in einer Diagnose.

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Als  einer Kliniktherapeutin auffiel, dass ich keinen Blickkontakt halten konnte, vor Menschen panische Angst hatte und ständig das Gefühl, dass ich nicht sicher bin, in Gefahr, da schrieb sie auf ihren Diagnosebogen Soziale Phobie. Ich kam in die SozPhobGruppe mit Menschen, die sich nicht trauten, am Bahnschalter eine Fahrkarte zu kaufen, im Geschäft nach einer Beratung zu fragen oder vor Menschen frei zu sprechen.
Ich konnte kaufen, wenn ich etwas brauchte. Ich konnte in Geschäfte gehen, mich beraten lassen und ohne etwas zu kaufen den Laden wieder verlassen. Ich konnte in der Uni 1h lang ein Referat halten und vor 300 Menschen die Abirede des Jahrgangs.
Die leitende Therapeutin der Gruppe fragte mich: "Wo liegt denn Ihre soziale Phobie?"

Ich glaube, wer mir ins Gesicht blickt, wird mir Gewalt antun.
Ich glaube, wer meinen Körper sieht, wird ihn erniedrigen.
Ich glaube, wer mir zu nahe kommt, muss kotzen vor Ekel.
Ich glaube, wer mich berührt, wird vergiftet.
Ich glaube, wer mich sieht, schüttelt sich vor Ekel.
Ich glaube, ich bin schädlich für meine Umwelt.

"Ich weiß es nicht. Meine Therapeutin wollte, dass ich herkomme."

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Als meinem Hausarzt die feinen Narben an den Armen auffielen, sagte er: "Sie haben Borderline" und schrieb es fortan auf jeden Überweisungsschein.

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Deshalb glaube ich nicht an die Macht von Diagnosen.
Falls das jemand liest, der gerade daran zweifelt, ob er gut genug für die Diagnose XYZ ist -  du bist mehr als deine Diagnose. Krankheit ist kein Wettbewerb. Wer einen drei-mm-großen Tumor hat, hat genauso sehr Krebs, wie jemand, der zwei Tumore und Metastasen hat.
Du musst nicht 30 kg wiegen, um magersüchtig krank zu sein.
Du musst nicht 105 Innenpersonen haben, um an einer Dissotiativen Störung zu leiden.
Du musst nicht 4 Schachteln Tabletten schlucken, um depressiv zu sein. Hilfe zu brauchen.
Wenn es dir schlecht geht, hast du das Recht darauf, dass deine Not erkannt und gesehen wird. Period.


Und darum habe ich immer noch nichtgute Tage.




3 Kommentare:

  1. Liebe Nina,
    nein, durchgelesen habe ich mir den Text nicht nochmal, wieso, sind Rechtschreibfehler drin oder stimmt die Übersetzung nicht?

    Ach, selbst wenn mal wieder schlechtere Tage kommen sollten: Jammern ist auch mal erlaubt ;)

    Ich hoffe, du hast auch möglichst gute Tag und viele Erfolge :)
    Schönes Wochenende,
    Elena

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  2. Ich sehe das erst jetzt... und fühle mich angesprochen.
    Danke<3

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  3. Hallo Nina,

    danke für deinen Gruß, den du dagelassen hast. Ich habe mich gefreut. :)

    Dieser Post gefällt mir, spricht mich an, insbesondere der letzten Teil.
    Ich wollte eigentlich mehr dazu schreiben, aber mein Kopf mag jetzt doch nicht. ;)

    Ich lasse dir dennoch auch mal liebe Grüße da. :)

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