Heute möchte ich
über etwas schreiben, über das ich in den letzten Wochen und
Monaten sehr viel und immer wieder nachgedacht und mich auch mit
lieben, engen Menschen ausgetauscht habe. Um es vorweg zu nehmen:
Alle Ideen und Gedanken dazu beruhen natürlich letztlich auf meinen
eigenen Erfahrungen und sind deshalb nicht allgemein übertragbar.
Auch möchte ich mir nicht anmaßen, über das subjektive Empfinden
anderer Menschen zu urteilen.
Dennoch würde mich
eure Meinung sehr interessieren.
Es geht um den
Aspekt des (freien) Willens bei psychischer Erkrankung, namentlich
bei einer Essstörung. Ich möchte es hierauf eingrenzen, weil es
sonst a) zu ausufernd wäre und b) dies nun einmal mein spezieller
Erfahrungsbereich ist. (Auch soll hier nicht zur Diskussion stehen,
ob der Mensch überhaupt einen Freien Willen hat...oder ob er stets
nur so handeln kann, wie die Neurobiologie und -chemie seines Gehirns
es strukturell vorgibt).
Einer der am
häufigsten getätigten Sätze bei einer ES, ist, glaube ich:
„Ich kann nicht.“
„Ich möchte ja
(yxz), aber ich kann nicht.“
Rein praktisch
betrachtet, muss man zunächst festhalten, dass auf der Ebene der
Fähigkeit idR ein Können sehr wohl möglich ist.
„Ich kann nicht
essen,“
Doch. Du kannst.
Deine Hand kann den Löffel nehmen, zum Mund führen, du kannst
kauen, schlucken, weiter essen. Du kannst.“
Was meistens gemeint
ist, ist: „Ich wage es nicht, weil „die Stimme“ mich nicht
lässt. Wenn ich es dennoch tue, werden die Folgen furchtbar sein,
der Terror in meinem Kopf wird beinahe unerträglich, der Selbsthass
so gigantisch groß, ich werde mich evt. Verletzen oder kotzen oder
Sport treiben bis zum Umkippen. Deshalb FÜHLT ES SICH SO AN, als
könne ich nicht.“
Ich glaube, dass es
wichtig ist, sich klar zu machen, dass die allermeisten trotz ES
körperlich in der Lage sind, zu essen. In Kliniken sieht man das ja.
Ich habe allerdürrste Mädchen erlebt, die nach einigen Tagen ob der
strengen Klinikregeln (essen oder Sonde) plötzlich das
vier-fünffache von ihrer Zuhauseration essen konnten. Es wirkt
richtig bizarr, wenn man an den Frühstückstisch kommt und da sitzen
die 30kg-Mädchen und vor sich: drei Brötchen, Butter, Marmelade,
überquellende Müslischalen....
Ich glaube, für
viele wird die innere Erlaubnis, essen zu dürfen, durch die Klinik
gerechtfertigt. Bei mir war es so. In der Klinik musste ich dürfen
und es war ein inneres Sehnen, ein Wollen, ein – Hunger.
Was für mich aber
als Frage offen bleibt: wie ehrlich ist jemand, der von sich sagt
„ich kann nicht“. Und wie sehr ist es der essgestörte Teil, vor
dem man unglaubliche Angst hat, wie sehr ist es also ein „Ich will
nicht“ (aus diversen Gründen).
Ich habe Respekt vor
Betroffenen wie Claudi, die ehrlich sagen: „ICH WILL (MOMENTAN)
NICHT RECOVERN!
Es tut mir
schrecklich leid für sie und ich denke oft über sie nach, es macht
mich traurig und ich habe ehrlich angst, dass sie stirbt.Aber ich
respektiere ihre Ehrlichkeit (auch wenn ich immer wieder hoffe, dass
sie sich noch umentscheidet!)
Wie ist eure eigene
Erfahrung mit dem wollen aber nicht können?
Was macht den
Unterschied, wenn es manchmal dann doch „geht“?
Ich habe jahrelang
nach dem Magischen Portal gesucht, dem verzauberten Schlüssel, der
es mir ermöglicht, gesund zu werden (oder gesünder) OHNE ALL DAS
SCHLIMME AUSZUHALTEN.
Den Ekel.
Das Völlegefühl.
Den Selbsthass.
Die „bösen
Stimmen“.
Die Vorwürfe.
Die Anschuldigungen.
Die erstickende
Angst.
Die Trauer.
Die (körperlichen)
Schmerzen.
Die Übelkeit.
Das Fettgefühl.*
(*obwohl „fett“ keine Emotion ist)
Die Erschöpfung.
Das
Mirselberfremdsein.
Das Aushalten.
Das Aushalten.
Das Aushalten.
Die Hilflosigkeit.
Die Überwältigung.
Die Zweifel.
Die Unsicherheit.
Die
Unproportioniertheit.
Die höheren Zahlen
auf der Waage.
Das
Nicht-mehr-Erfüllen-von-Diagnosen.
Kommentare anderer
Menschen (siehe gestern!)
Der Blick in den
Spiegel.
Duschen.
Schwimmbad.
Sex.
Leute wieder
treffen, die mich ug kannten.
In der
Öffentlichkeit essen.
Zu viel essen ohne
Gegenzusteuern.
Mich ausruhen.
Den Impulsen der Es
und der Angst NICHT zu folgen.
Nähe zuzulassen.
Weitermachen.
Weitermachen.
Weitermachen, auch
nach absoluten Scheißtagen.
Nicht zu kotzen,
egal was passiert.
Nicht zu hungern.
Wahrscheinlich habe
ich noch einiges vergessen, was mir in den letzten Monaten begegnet
ist.
Aber eines habe ich mehr als alles gelernt:
Es gibt kein Magisches Portal. Und keinen geheimen Schöüssel. Keinen Weg außenherum. Nur mitten hindurch.
Und:
Aber eines habe ich mehr als alles gelernt:
Es gibt kein Magisches Portal. Und keinen geheimen Schöüssel. Keinen Weg außenherum. Nur mitten hindurch.
Und:
Ich kann. Wenn ich
will.
Es ist in Ordnung,
Angst zu haben.
Es ist auch in
Ordnung, sich gegen diesen Weg zu entscheiden.
Aber es ist nicht in
Ordnung zu sagen: „Ich kann nicht.“
Yes, you can.
And you.
And you and you and
you.
Alles Liebe euch da
draußen.
Hallo meine Liebe, nur ganz kurz: Ja. Genau so, wie du es beschreibst, ist es.
AntwortenLöschenDer Weg aus der Essstörung ist es, zu sagen: "Ich will und ich kann."
Das ist der Knackpunkt.
Danke für deine Sonntagsgrüße. Mehr morgen... bin gerade zu erschöpft.
Ich denke aber ganz lieb an dich <3