http://freudichdoch.blogspot.de/

Freitag, 30. Januar 2015

Wer Will Was?

Hallo ihr da draußen!


Heute möchte ich über etwas schreiben, über das ich in den letzten Wochen und Monaten sehr viel und immer wieder nachgedacht und mich auch mit lieben, engen Menschen ausgetauscht habe. Um es vorweg zu nehmen: Alle Ideen und Gedanken dazu beruhen natürlich letztlich auf meinen eigenen Erfahrungen und sind deshalb nicht allgemein übertragbar. Auch möchte ich mir nicht anmaßen, über das subjektive Empfinden anderer Menschen zu urteilen.
Dennoch würde mich eure Meinung sehr interessieren.
Es geht um den Aspekt des (freien) Willens bei psychischer Erkrankung, namentlich bei einer Essstörung. Ich möchte es hierauf eingrenzen, weil es sonst a) zu ausufernd wäre und b) dies nun einmal mein spezieller Erfahrungsbereich ist. (Auch soll hier nicht zur Diskussion stehen, ob der Mensch überhaupt einen Freien Willen hat...oder ob er stets nur so handeln kann, wie die Neurobiologie und -chemie seines Gehirns es strukturell vorgibt).

Einer der am häufigsten getätigten Sätze bei einer ES, ist, glaube ich:
„Ich kann nicht.“
„Ich möchte ja (yxz), aber ich kann nicht.“

Rein praktisch betrachtet, muss man zunächst festhalten, dass auf der Ebene der Fähigkeit idR ein Können sehr wohl möglich ist.

„Ich kann nicht essen,“
Doch. Du kannst. Deine Hand kann den Löffel nehmen, zum Mund führen, du kannst kauen, schlucken, weiter essen. Du kannst.“

Was meistens gemeint ist, ist: „Ich wage es nicht, weil „die Stimme“ mich nicht lässt. Wenn ich es dennoch tue, werden die Folgen furchtbar sein, der Terror in meinem Kopf wird beinahe unerträglich, der Selbsthass so gigantisch groß, ich werde mich evt. Verletzen oder kotzen oder Sport treiben bis zum Umkippen. Deshalb FÜHLT ES SICH SO AN, als könne ich nicht.“

Ich glaube, dass es wichtig ist, sich klar zu machen, dass die allermeisten trotz ES körperlich in der Lage sind, zu essen. In Kliniken sieht man das ja. Ich habe allerdürrste Mädchen erlebt, die nach einigen Tagen ob der strengen Klinikregeln (essen oder Sonde) plötzlich das vier-fünffache von ihrer Zuhauseration essen konnten. Es wirkt richtig bizarr, wenn man an den Frühstückstisch kommt und da sitzen die 30kg-Mädchen und vor sich: drei Brötchen, Butter, Marmelade, überquellende Müslischalen....

Ich glaube, für viele wird die innere Erlaubnis, essen zu dürfen, durch die Klinik gerechtfertigt. Bei mir war es so. In der Klinik musste ich dürfen und es war ein inneres Sehnen, ein Wollen, ein – Hunger.

Was für mich aber als Frage offen bleibt: wie ehrlich ist jemand, der von sich sagt „ich kann nicht“. Und wie sehr ist es der essgestörte Teil, vor dem man unglaubliche Angst hat, wie sehr ist es also ein „Ich will nicht“ (aus diversen Gründen).
Ich habe Respekt vor Betroffenen wie Claudi, die ehrlich sagen: „ICH WILL (MOMENTAN) NICHT RECOVERN!
Es tut mir schrecklich leid für sie und ich denke oft über sie nach, es macht mich traurig und ich habe ehrlich angst, dass sie stirbt.Aber ich respektiere ihre Ehrlichkeit (auch wenn ich immer wieder hoffe, dass sie sich noch umentscheidet!)

Wie ist eure eigene Erfahrung mit dem wollen aber nicht können?
Was macht den Unterschied, wenn es manchmal dann doch „geht“?

Ich habe jahrelang nach dem Magischen Portal gesucht, dem verzauberten Schlüssel, der es mir ermöglicht, gesund zu werden (oder gesünder) OHNE ALL DAS SCHLIMME AUSZUHALTEN.
Den Ekel.
Das Völlegefühl.
Den Selbsthass.
Die „bösen Stimmen“.
Die Vorwürfe.
Die Anschuldigungen.
Die erstickende Angst.
Die Trauer.
Die (körperlichen) Schmerzen.
Die Übelkeit.
Das Fettgefühl.* (*obwohl „fett“ keine Emotion ist)
Die Erschöpfung.
Das Mirselberfremdsein.
Das Aushalten.
Das Aushalten.
Das Aushalten.
Die Hilflosigkeit.
Die Überwältigung.
Die Zweifel.
Die Unsicherheit.
Die Unproportioniertheit.
Die höheren Zahlen auf der Waage.
Das Nicht-mehr-Erfüllen-von-Diagnosen.
Kommentare anderer Menschen (siehe gestern!)
Der Blick in den Spiegel.
Duschen.
Schwimmbad.
Sex.
Leute wieder treffen, die mich ug kannten.
In der Öffentlichkeit essen.
Zu viel essen ohne Gegenzusteuern.
Mich ausruhen.
Den Impulsen der Es und der Angst NICHT zu folgen.
Nähe zuzulassen.
Weitermachen.
Weitermachen.
Weitermachen, auch nach absoluten Scheißtagen.
Nicht zu kotzen, egal was passiert.
Nicht zu hungern.

Wahrscheinlich habe ich noch einiges vergessen, was mir in den letzten Monaten begegnet ist.
 Aber eines habe ich mehr als alles gelernt:
Es gibt kein Magisches Portal. Und keinen geheimen Schöüssel. Keinen Weg außenherum. Nur mitten hindurch.
Und:
Ich kann. Wenn ich will.

Es ist in Ordnung, Angst zu haben.
Es ist auch in Ordnung, sich gegen diesen Weg zu entscheiden.

Aber es ist nicht in Ordnung zu sagen: „Ich kann nicht.“

Yes, you can.
And you.
And you and you and you.

Alles Liebe euch da draußen.

1 Kommentar:

  1. Hallo meine Liebe, nur ganz kurz: Ja. Genau so, wie du es beschreibst, ist es.
    Der Weg aus der Essstörung ist es, zu sagen: "Ich will und ich kann."
    Das ist der Knackpunkt.
    Danke für deine Sonntagsgrüße. Mehr morgen... bin gerade zu erschöpft.
    Ich denke aber ganz lieb an dich <3

    AntwortenLöschen