Angeregt durch einige Blogeinträge von euch, durch Kommentare und durch meine eigene ständige Auseinandersetzung mit mir, möchte ich ein paar Gedanken zum Thema "Selbstliebe" oder sogar "Körperliebe" festhalten.
Wer eine Essstörung hat, wer hungert, frisst und kotzt, Sport bis zum Umfallen macht, sich schneidet/verbrennt/kratzt/beißt, liebt seinen Körper nicht. Schätzt ihn nicht einmal wert. In diesen Krankheiten wird er zum puren Objekt, zum Gegenstand, zu etwas, das gefälligst zu funktionieren hat, das man aber hasst und verabscheut, für das man sich schämt, vor dem man sich ekelt.
Der Körper darf keine Bedürfnisse haben und keine Forderungen stellen.
Er hat zu gehorchen, sich unterzuordnen und das zu tun, was wir von ihm verlangen, in der Regel bedeutet das: dünn sein.
Man verliert den Bezug zu ihm, zu sich selbst und schafft einen Körper-Geist-Dualismus. am liebsten hätte man gar keinen Körper, oder nur einen virtuellen. Man bildet sich ein, ohne Körper wäre man "frei" und leicht und glücklich. Und weil ganz ohne Körper nicht geht, glaubt man eben, mit möglichst wenig Gewicht wäre man frei und leicht und glücklich.
Eine Essstörung bringt Konsequenzen mit sich. An vieles gewöhnt man sich zwangsläufig. Aber nervig ist es schon:
- das Schwachsein
- das Frieren
- das Sodbrennen
- die Übelkeit/Magenschmerzen
- die Lanugobehaarung
- der Haarausfall und die brüchigen Nägel
- eingerissene Mundwinkel und schlecht heilende Wunden
- Zahnschäden
- Muskelkrämpfe
- Ohnmachtsanfälle
- Zittern und Schwindel
- mangelnde Konzentration
- Kopfschmerzen
- blau verfärbte Hände und Füße
- die erschöpfung
- das nicht mehr lachen können
- kein Spaß mehr am Sex haben
- Angstzustände
- Depressionen
- Suizidgedanken
- Sebsthass
- der ständige Verzicht
...
Man nimmt es irgendwann hin. Am wichtigsten ist das Essen und das Gewicht. Denn das darf nicht steigen, daran hängt die Existenz. Und neben der reinen Zahl, befasst man sich mit bestimmten Körperteilen/-stellen. Den Schenkeln. Dem Bauch. Da scheint immer noch Fett zu sein. Man verzweifelt daran.
Und irgendwann fasst man Mut, vielleicht bestärkt durch andere Menschen und möchte etwas verändern, begibt sich in Therapie. Aber hinter dem dünnen Entschluss lodert ein Höllenfeuer Angst:
Wie soll ich mich mit mehr Gewicht lieben, wenn ich mich jetzt schon hasse? Wie soll ich meinen Körper mit mehr Gewicht lieben, wenn ich ihn jetzt schon fett finde?
Die Angst ist so groß. Mit jeder Zunahme schnürt sie einem den Hals zu.
Man fühlt sich bestätigt: nehme ich zu, geht es mir beschissen! Habichsdochgewusstallesumsonst.
Ich selber habe viele Therapien gemacht. Nicht immer habe ich das Mindestzielgewicht von BMI 18 erreicht. Ich fühlte mich schon mit BMI 17 so monströs, so SICHTBAR, so verletzlich, so nackt und bloß, so leicht zu zerstören.
Die Angst war immer noch so groß, so stark.
Und mein Körper ein fremder, ungastlicher Planet außerhalb meines Sonnensystems. Ich weinte, wenn ich ihn berührte, ich schämte mich für den Bauch, für jede Rolle Gewebe, die ich unter der Haut und vor den Knochen ertastete. FETT.
Das Abnehmen brachte für eine Weile stets Erleichterung. Ich lüge euch nicht an, ich war stolz auf mein niedriges Gewicht, ich war stolz auf meinen mageren Körper, ich fand ihn sogar irgendwie schön. Er war wie mein Kunstwerk. Sollten die anderen doch reden.
Die einfache wahrheit, warum ich so lange krank war, lautet:
Ich hatte zu viel Angst. Diese Angst schob sich vor jeden Willen.
Und: ich war nicht bereit, zu leiden.
Klingt seltsam für jemanden, der jahrelang hungerte, fraß, kotzte, ritzte, in Krankenhäusern und Kliniken war, Schule und Uni unterbrechen musste, sämtliche oben genannte Symptome kannte ...
aber ein bestimmtes Leiden wollte ich eben nicht aushalten, weil ich glaubte, es nicht zu ertragen:
Eine echte, richtige Gewichtszunahme. Nicht BMI 17 oder 18. Sondern Normalgewicht, nicht für ein Kind, sondern für eine Frau. Ich wollte nicht den Körper zurück, den ich vor der ES hatte.
Folgendes ist lediglich meine Meinung, sie ist gewiss nicht allgemeingültig.
Ich glaube, dass beim Gesundwerden nicht Ziel sein kann, sich oder den eigenen Körper zu lieben.
Ja, ihr lest richtig.
Natürlich ist es wünschenwert und beneidenswert, wenn sich diese Liebe parallel einstellt! Aber wer sie erwartet, greift zu hoch.
Ich glaube, dass das Gesundwerden der Selbstzweck sein muss, dem eine mögliche Selbstliebe untergeordnet wird.
Konkret bedeutet das für mich:
Ich möchte leben. Und ich möchte nicht weiter so leben, wie ich es gerade tue aufgrund der Essstörung. Ich möchte das nicht mehr. Kein Fressen und Kotzen mehr. Nie mehr. Kein Schneiden mehr. Keine Nacht vor Hunger nicht schlafen können.
Der Preis, den ich dafür in den Ring werfe, ist ein Körper, der nicht länger (m)ein anorektisches Kunstwerk ist.
Aber wenn ich all das andere dafür bekomme, bin ich bereit, das zu akzeptieren.
Ich habe heute einen Körper, der nicht meinem Ideal entspricht. Ich habe Körperstellen, die mich mitunter sehr traurig machen. Ich sehe nicht aus, wie ich es gern hätte. Ich habe Bauchfett. Ja, Bauchfett.
Und ich kann meinen Bauch anfassen, ohne Hass.
Nicht mit Liebe, das wäre gelogen. Aber auch nicht mit Hass. Ich fasse ihn an, wie ich andere Körperstellen berühre, indem ich wahrnehme, wie sie sich anfühlen. Heute morgen lag ich im Bett und strich mit dem Finger über meinen Bauch, es war eine ganz unbewusste Geste und als ich sie wahrnahm, machte ich noch ein bisschen weiter, weil es eine so sanfte, angenehme Berührung war. Und weil auch mein Bauch mit seinem Fett so berührt werden darf.
Manchmal stehe ich vor dem Spiegel, sehe wie ein Kleidungsstück spannt und schäme mich für diesen Bauch. Ich bin traurig und fühle mich auf eine kindliche Weise bestraft. Wenn ich bei IG Mädels ihren Bauch posten sehe "nach dem essen" und meiner sieht selbst morgens OHNE Essen nie annähernd so aus, macht es mich traurig. Ich habe einfach diese Bauchveranlagung. Gleichzeitig versuche ich mir eine Wahrnehmung zu erarbeiten, die mir zeigt, dass mein Bauch zwar kein Sixpack ist, aber dass er auch keine fette Wampe ist. Ich bin eine schlanke Frau. Mit Bauch.
Manchmal macht mich das traurig und frustriert. Manchmal ist es nicht so wichtig. Weil mein Bauch nicht das Zentrum der Welt ist.
Natürlich haben meine Oh Gott du fette Sau-Gedanken nicht plötzlich aufgehört. Aber ich habe mir jedesmal, wenn ich das oder ähnliches dachte, gesagt:
Das ist nicht hilfreich. Das ist nicht wertschätzend. Das tut nur weh.
Und das hat mit der zeit funktioniert. Weil es wahr ist.
Letztlich versuche ich damit zu auszudrücken: Ich glaube, richtige, echte Überwindung einer ES bedeutet zu akzeptieren, dass man möglicherweise das bekommt, vor dem man sich so fürchtet: Unterhautfettgewebe, Dellen, schwaches Bindegewebe, Brüste, Problemzonen, runderes Gesicht, breite Schultern ...
und sich dennoch dafür entschließt. Dafür, dass das sein darf. Weil es nicht das Wichtigste ist.
Liebe Anima,
AntwortenLöschenes tut mir Leid, ich bekomme gerade nichts Vernünftiges auf die Reihe. Dennoch danke für deine Worte gestern. Es gibt noch einen Nachtrag.
Dein Post ist wundervoll und aufrichtig. Es ist gut, dass du deine Priorität aufs Gesundwerden gelegt hast. Und es ist schön, dass du deinen Bauch inzwischen, zeitweise, akzeptieren kannst. Das Lieben kommt vielleicht später, wer weiß.
Alles Liebe dir,
Anna.
"I am fat. And I happen to use this word as a self-descriptor. And I don't say it to put myself down. And I certainly don't say it in hopes someone will say, 'Oh no, you're not fat.' No one says to a tall person, 'you're not tall." Because tall is not a dirty word. We are programmed to tell each other we're not fat, because to many, fat is the worst thing you can be. Society has turned fat into a synonym for ugly. But fat means just fat.
AntwortenLöschenI'm 5-ft-3 so I call myself short.
I'm married so I call myself a wife.
I weigh 240 pounds so I call myself fat.
And I am beautiful, so I call myself beautiful.
And I'm all of those things at once."
https://www.youtube.com/watch?v=ME-c0l8oTkY
Was mich daran fasziniert ist der Gedanke: Vielleicht muss ich meinen Körper gar nicht lieben. Vielleicht muss ich ihn auch gar nicht schön finden. Vielleicht reicht es, ihn zu sehen, als was er ist: Eben ein Körper. Mit allem, was er ist, ohne, dass es eine Bewertung braucht. Ohne, dass er besser oder schlechter als andere Körper ist und ganz ohne dass ich meinen Wert darüber definiere.
Liebe anima,
AntwortenLöschenich denke, Selbstakzeptanz ist wichtiger als Selbstliebe, vor allem leichter zu erreichen.
Du hast, laut dir selbst, einen Körper, der nicht deinem Ideal entspricht. Ich glaube, niemand hat einen Körper, der seinem/ihren Ideal entspricht. Jeder findet immer etwas, das er/sie verändern würde. Während ich in England war, lernte ich ein Mädchen kennen, das eine - für mich gesehen - ideale Figur hatte. Sie aber fand ihre Brüste zu klein, ihre Hände nicht schön, hätte gern vollere Lippen gehabt und ein bisschen mehr Hintern, und ihre Schultern schienen ihr aus irgendeinem Grund auch zu breit. Eine Freundin von mir ist ebenfalls sehr schön. Wenn ich ihr das sage, lacht sie nur und meint, ich sei ja wohl genauso schön und sie wäre froh, wenn sie in meine Jeans passen würde.
Vielleicht wird eine "Problemzone" auch nur zu einem Problem, wenn man sie dazu macht. Ich könnte jetzt in mein Badezimmer gehen und meinen Bauch anschauen und sagen: Der ist aber dick heute! und dann wäre mein Tag vielleicht versaut. Oder aber ich sage: ich habe gerade gegessen, da sieht mein Bauch immer etwas dicker aus. Und auch ohne Sixpack und mit der Narbe drauf ist mein Bauch ein guter Bauch.
Außerdem hilft es manchmal, sich dran zu erinnern, dass man nicht die einzige Person mit Bauch, Brüsten, Oberschenkeln, Hintern et cetera ist :) Ich wünsche dir, dass du oft in den Spiegel schauen kannst, und sagen kannst: ich bin okay.
Könntest du dich von diesen IG-Accounts nicht lösen, wenn sie dir nicht guttun?
Liebe Grüße,
Elena
Liebe Anima,
AntwortenLöschenwas vernünftig ist? Ich weiß es nicht... ich weiß nur, dass es für mich gut ist, diesen Blogs und IG-Accounts und Tumblrs nicht zu folgen. Ist das Vernunft? Wer weiß...
Es ist schön, dass du Leben spürst.
Alles, alles Liebe dir,
Anna.