Die Welt ist voller falsch verstandener Klugheit.
Sowohl die virtuelle als auch die analoge.
Wann immer du Facebook öffnest, hat garantiert gerade einer deiner "Freunde" einen inhaltsschweren Satz gepostet. Oder zwei. In der Regel mit verspielter Schrift auf dem Untergrund eines melancholisch anmutenden Fotos, vorzugsweise in schwarz-weiß. Natürlich geklaut von einschlägigen Websites, oder: paste`n` copy. Wer nimmt es heutzutage schon noch so genau mit dem geistigen Eigentum.
Auch der anfassbaren Welt sind sie überall, die Gut- und Bessermeiner.
Geh nur in einen Zeitschriften-/Buch-/Postkartenladen. So viel geballte Lebensweisheit dass es für eine Kleinstadt reicht. Fast alle Postkarten, viele Bücher und die inspirierenden Zeitungen sind mehrfach vorhanden, also: zehn Kleinstädte.
Es heißt, der Markt regelt sich durch Nachfrage und Angebot.
Offenbar gibt es eine große Sehnsucht, eine Sehnsucht nach etwas Haltgebendem, Tröstendem, etwas, das einem verspricht, dass am Ende dann doch alles gut werden wird. Irgendwie. Du musst nur lernen loszulassen, richtig zu atmen und auf Gott, das Schicksal, deine innere Weisheit, die Feinstofflichkeit der Dinge oder deine Oma vertrauen.
Und ich frage mich, wann es aus der Mode gekommen ist, seine eigene Stimme zu haben und ihr zuzuhören.
Oder war das nie in Mode?
All diese Menschen, die diese Ratgeber lesen oder zumindest ins Regal stellen, bei denen Flow, Happinez, Emotion und Psychologie heute neben dem Sofa liegen und die solche Postkarten aufhängen oder, schlimmer noch, verschicken - halten sie sich für originell, kreativ und weltgewandt?
Und die, die sämtliche sozialen Netzwerke mit billigen Imitaten fluten, sagen sie damit tatsächlich das, was sie beabsichtigen?
Kürzlich las ich einen Artikel über den Siegeszug der Emoticons. Der Autor war der Ansicht, dass die Verwendung der kleinen, bunten Gesichter es den Menschen leichter mache, ihre Gefühle auszudrücken. Weil es einfacher ist, einen Weinesmiley zu posten, anstatt zu schreiben (oder, bewahre, zu sagen!): Du hast mich verletzt. Im Zweifelsfall kann man hinterher ein Zwinkersmiley setzen und vermittelt: Haha, war nur Spaß, mich verletzt doch keiner!
Ich glaube, mit den gefühlten Wahrheiten und klugen Sprüchen verhält es sich ähnlich. Niemand würde auf Facebook schreiben: Ich bin so entsetzlich traurig und einsam. Ich möchte weinen, bitte, tröste mich jemand!
Stattdessen sehe ich das Foto eines kleinen Mädchens mit traurigem Gesicht, auf dem steht: Niemand weiß, was ich fühle. Aber jeder sagt, dass er mich versteht.
Und dann wird ordentlich geliked, anstatt das jemand sagt: Mir geht es genauso.
Jetzt könnte man sagen, es sei doch gut, wenn die Menschen auf diese Weise eine Brücke zu ihrer Emotionalität fänden. Sei doch egal, dass alles nur abgeguckt ist und andere mit dem "Erfinden" solcher Bilder Geld verdienen.
Ich sage: Nein.
Weil es für das eigene Gefühl keine Blaupause, kein made in china, kein fastsogutwiedasoriginal, kein gibtsbeialdiheißtnuranders, kein paste and copy gibt.
Wir verlernen zu fühlen und wir verlernen zu denken, wenn wir nur klickklick etwas wiederkauen.
Ich würde das Fellmonster vor allem beschützen und ich liebe sie unfassbar. Oft macht mich dieses Gefühl sprachlos, und mein Herz - mein Herz ist so weit!
Darf man ein Tier so lieben? Vermenschlicht man es nicht?
Ich lasse mir nicht sagen, was ich zu fühlen habe. Ich fühle Liebe. Nicht in Mensch-Hund-Gartenzwerg-Kategorien. Einfach Liebe.
Ich habe mich entschlossen, einen Menschen aus meinem Leben auszuschließen, weil mich dieser Mensch konsequent schlecht behandelt und gedemütigt hat.
Aberdasmachtmandochnichtdasistfamilie.
Ich lasse mir nicht sagen, was man tut oder nicht. Denn ich bin nicht man - ich bin ich.
Ich bin kein Plagiat.
Ich bin keine Kopie.
Ich bin kein Echo.
Ich bin ich.
(Das ist kein Zeugnis oder Aufruf zur Selbstliebe a la: Ihr alle seit einzigartig (*twinkertwinker* @Anna O.), glaubt an Euch, dann könnt ihr alles schaffen, ihr seid es wert, ihr seit toll, genießt das Leben, sei du selbst, alle anderen gibt es schon!
Die Wahrheit ist: ich weiß nicht, ob ihr "es" schaffen könnt, alles jedoch bestimmt nicht. Und ich weiß nicht, ob ihr alle toll seid. Und ich werde euch auch nicht befehlen, das Leben oder irgendetwas zu genießen.
Und ich weiß nicht, ob Ich zu sein bedeutet, gut mit mir zu sein. Manchmal ja, manchmal nein.
Aber ich habe eine Stimme.
Sprecht ihr mit mir?
Liebe Anima,
AntwortenLöschenha, jetzt hast du mich erwischt... mir ging wirklich das Wort "einzigartig" durch den Kopf. Bei jeder Zeile habe ich heftig genickt und war am Ende froh, nicht bei Facebook und Tumblr unterwegs zu sein...
Zu deinem Kommentar: Um ehrlich zu sein, fand ich deinen Post zu wichtig und zu bedeutsam, um zu schweigen, meinen Kopf jedoch zu leer, um etwas dazu zu schreiben. Aber du hast natürlich Recht, das Ganze entspringt mal wieder meiner riesigen Anspruchshaltung *seufz*
Aus irgendeinem Grund muss ich beim Thema "Vernunft" sehr oft an Dumbledores Rede zu Beginn von Harrys erstem Schuljahr denken.
In diesem Sinne: "Nitwit! Blubber! Oddment! Tweak!" ;)
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