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Freitag, 5. Juni 2015

Cogito


Letztens schrieb ich über Selbstakkzeptanz und Selbstliebe.
Heute geht mir das Thema Gedankenveränderung durch den Kopf. Ich habe dazu unterschiedliche Empfindungen, Erinnerungen, Sichtweisen.
In einer der ersten Fachkliniken, sehr bekannt und sehr berühmt für ihr Essstörungskonzept, arbeitete man mit mir (und anderen) kognitiv-verhaltenstherapeutisch. Das bedeutet, das viel wert auf Veränderungsmöglichkeiten gelegt wird, indem man erkennt, was verkehrt läuft, sich Fähigkeiten zur Veränderung aneignet, diese anwendet und durch positive neue Erfahrungen Abstand zu alten Verhaltensmustern gewinnen kann. Kurz gesagt hat es viel mit dem Kopf und mit Üben zu tun.
Einer der Therapeuten dort sagte oft, dass das, was wir über uns denken, eine Einstellung oder auch eine Annahme, ein Vorurteil sei – und dass diese zum Glück veränderbar seien.
Wer sich in eine Therapie zb gegen ES begibt, weiß in der Regel dass und oft auch, was falsch läuft. Da ist der Wunsch, dass es anders und möglichst besser werden soll. Und auf der anderen Seite ist viel Angst, viele Fragen – wer bin ich ohne meine Krankheit, wie soll ich ohne sie zurecht kommen, was kann sie ersetzen.
In der Therapie wurde konkret mit solchen Gedanken gearbeitet, schriftlich. Pro und Kontra – was spricht für einen Gedanken oder ein Verhalten und was dagegen. Vielen mit ES fiel anfangs nichts ein, was zb „für“ ihre ES spricht. Dabei gibt es da bei jedem etwas, ganz sicher. Sonst würde man es nicht tun.
Als nächstes wurde ein „hilfreicher, realistischer Gedanke“ erarbeitet.

Nehmen wir an, der erste Gedanke lautet:
Mein Bauch ist so fett, dass ich kein Kleid anziehen kann.

Dann könnte ein realistischer Gedanke lauten:
Ich habe einen leichten Bauchansatz, aber ich kann trotzdem ein Kleid tragen, und zwar eins, in dem ich mich wohl(er) fühle, weil es zb weit geschnitten ist.
Oder
Ich nehme meinen Bauch viel umfangreicher wahr, als andere.
Oder
Ich bin nicht nur mein Bauch, er ist ein Teil von mir, aber nicht das Zentrum der Welt.

Es sollte dabei stets um hilfreiche Gedanken, nicht betont positive a la: Ich habe den härtesten Sixpack der Nation gehen.
Und immer, sobald der alte Gedanke (s.o.) auftauchte, sollte der neue dagegen gedacht werden.

Um es kurz zu machen: ich fand das nicht hilfreich.
In der Regel lief mein innerer Dialog ungefähr so ab:

- du bist fett!
- ich bin immer noch im UG, ich kann nicht fett sein...
- mir egal, du bist trotzdem fett!
- mein BMI ist unter 18, ich kann nicht dick sein...
- du siehst aber fett aus, egal was der BMI sagt!

oder:
- Du bin schlecht.
- Warum bin ich schlecht?
- Weil das so ist. Du bist so geboren.

Und dann dachte ich trotzig: „Jetzt habe ich den neuen Gedanken gedacht und – und NIX! Verarscht mich doch nicht, ihr Psychos.“
Es war frustrierend.



Es ist viel Zeit seit dieser Klinik vergangen. Ich hatte andere Therapien, die mich unglaublich berührt und verändert haben. Ich habe mich mit ihnen verändert.
Und irgendwann im Laufe einer dieser Therapien, begann ich etwas zu wagen. Ich begann, meine eigenen Annahmen, Überzeugungen, Gedanken, all das, was ich zu mir und meiner Person dachte, fühlte, zu wissen glaubte, das alles teilte ich mit. Meiner Therapeutin, die ich sehr schätzte.

Was ich dachte:
- ich bin eklig und abstoßend
- ich bin hässlich
- mein Körper ist verseucht, verschmutzt, ansteckend
- mein Körper ist schuld
- ich habe das verdient
- ich bin ein schlechter Mensch
- ich bin der letzte Dreck
- mir darf es nicht gutgehen
- ich muss Sport machen, um leben zu dürfen
- ich muss mich quälen, um leben zu dürfen
- dass ich atme ist schon Anmaßung genug
- ich habe SVV verdient
- ich muss mich für meine Existenz entschuldigen
- ich bin wertlos
- ich habe keine Rechte
- ich muss immer nachgeben
- niemand kann mich wirklich lieben
- ich darf nicht essen
- ich darf nicht gut zu mir sein
- mein Körper darf nicht normales Gewicht haben, das steht ihm/mir nicht zu
- wenn ich NG habe, werden mich alle anstarren, weil ich dann so viel Raum einnehme
- wenn ich NG habe, passiert mir wieder dasselbe wie früher
- wenn ich NG habe, werde ich wie früher und hasse mich noch mehr (denn dieser Person ist all die Gewalt und das Unsagbare passiert)
- andere Menschen wünschen mir den Tod

Und noch mehr. Diese Gedanken waren und sind mir vollkommen vertraut. Ich glaubte sie aus tiefster Seele. Kein „Gegengedanke“ kam mir dazu in den Sinn. Es waren für mich schlichte Wahrheiten.
Und gleichzeitig, gleichzeitig gab da eine Sehnsucht. Ich versteckte sie sehr sorgfältig, denn sehnen durfte ich mich natürlich auch nicht!!
Aber – ich sehnte mich mit jeder Faser meines Seins.
Danach, dass jemand kommt und all diese „Gesetze“ aufhebt.
Dass jemand kommt und sagt:
Du bist ok. Du darfst leben. Du darfst essen. Du darfst sein. Du bist liebenswert.
Gleichzeitig erschrak ich bereits über diese Gedanken, wie konnte ich nur! So etwas zu wünschen, ich, ich, wie konnte ich mich erdreisten??
Diese Zerrissenheit tat so weh. Ich sehnte mich nach Absolution.

Aber wer, wer sollte sie mir geben können? Wem würde ich glauben? Wer wäre genug, um all das auszuradieren, was mir jahrelang von so vielen Menschen eingeimpft worden ist?
Dass mein Partner mich liebt, akzeptierte ich irgendwann – ohne es zu verstehen.
Wie kann man mich lieben? Was an mir?
Und ich gebe mir so viel Mühe, liebenswert zu erscheinen! Und kam mir immer vor wie eine Betrügerin, ich wollte den dunklen Kern in mir verbergen. Mein wahres, hässliches, böses Ich.
Bei jedem liebevollen Wort von außen, dachte ich : Ja, aber … !!! (wenn du wüsstest ...)
Und ich besitze sehr viele „Abers“.
Mit ihnen kehrte ich jede möglicherweise positive Sicht auf mich um, ich wehrte mich letztlich mit aller Macht dagegen.
Obwohl ich mich zugleich doch so danach sehnte.
Paradox, nicht wahr? Zerrissen in mir, mit aufgerissener Seele, blutigen Armen und schmerzendem Herzen lief ich davon, rannte die Kilometer in den Asphalt, in den Waldboden, in die Feldwege.

Ich hatte Angst.
Angst, was es bedeuten würde, ein anderes Denken zu wagen.
Angst, mich darauf einzulassen.
Angst mich zu irren. Dass der Selbsthass doch Recht hat..
Angst vor dem Chaos.
Ich hatte mich eingerichtet in meinem Selbsthass, ich kannte seine scharfen Kanten, seine Schläge und Hiebe, seine ätzenden Kommentare, seine Regeln, seine Bedingungen. Das war mein Weltbild. Schmerzhaft, aber vertraut.

Etwas anderes zu denken, würde mein Weltbild verändern, das, was mir vertraut war, fortreißen.
Was sollte mich dann noch halten?

So bizarr es zunächst klingt:
Anders über sich selbst zu denken, bedeutet eine riesige, bedrohliche Veränderung.
Weil es so fremd ist.
Und auch, weil sich selber wertzuschätzen Konsequenzen fordert.
Wenn ich nicht länger den Selbsthass als Basis meines Seins habe, dann gibt es auch keinen guten Grund, schlecht mit mir umzugehen.
Moment – das würde ja bedeuten, gesünder zu werden? Kann ich das? Wie geht das? Was kommt dann, was bringt das mit sich?

Ich glaube, dass diese Angst bei vielen dazu führt, dass sie lieber an ihrem Selbsthass festhalten.
Weil es so …. unfassbar scheint.
Dass ich in Ordnung bin. Dass ich diesen Selbsthass gar nicht verdient habe! Oder das, was andere Menschen mir angetan haben!

Moment, dann sind die ja schuld und nicht ich?

Viel, viel Verwirrung bringt ein solch verändertes Denken mit sich.

Ich glaube, dass der Schlüssel zu einer Veränderung (im Denken und später im Verhalten), in der Entscheidung liegt.
In der Entscheidung, für möglich zu halten, dass all die Annahmen und Überzeugungen, die man von sich hat, eventuell nicht stimmen.
Und dass sich nicht die Menschen irren, die uns wertschätzen – sondern wir uns.
Dass wir uns aufgrund von vielen Erfahrungen möglicherweise jahrelang – geirrt haben.

Das braucht viel, viel Zeit. Der Selbsthass ist nicht von heute auf Morgen entstanden und er wird auch nicht verschwinden, nur weil ich in Erwägung ziehe, dass ich doch ein netter Mensch sein könnte.
Es braucht Zeit und ganz viel Bestärkung von außen. Nicht so inflationär irgendwelche klugen Sprüche aus dem Netz, sondern von Menschen, denen man vertraut.

Bin ich okay?
Darf ich dasunddas?
Wie siehst du mich?
Ich habe Angst.
Ich bin unsicher.
Bin ich okay?
Bin ich okay?
Bin ich okay?

Okay“ ist ein seltsames Wort für die Beziehung zu sich selbst. Aber kommend vom Selbsthass ist es ein guter Beginn. Hoffentlich gibt es das Gegenüber, das antwortet:
Du bist viel mehr als okay.
Man muss klein anfangen.
Und man muss dazu vertrauen.
Wir werden am Du zum Ich (Martin Buber)
Wir wachsen durch Begegnungen. Wir brauchen Begegnungen.
Und immer wieder
Zeit
Geduld
Vertrauen
Sicherheit
Mut

Mut, sich vom eigenen Denken zu trennen, wenn es nur weh tut.
Ich habe oft, immer und immer wieder gefragt. Ohne Stimme, so leise und auf verschlungenen Wegen, andeutend … meine Therapeutin hat mich verstanden, aber nicht geantwortet, bis ich nicht die Worte ausgesprochen habe.
Was denken Sie jetzt von mir? Jetzt, wo Sie so viel wissen?
Liebe Frau H, ohne Sie wäre so vieles nicht möglich geworden. Danke, immer wieder. Ich vermisse Sie.
Unser Denken ist unsere Chance, weil wir es aktiv verändern können. Nicht unbedingt wie in der Klinik oben mit Stift und Papier.
Sondern zusammen mit unserem Gefühl, unser Denken an die Hand nehmen und ihm eine neue Richtung zeigen. Neue Erfahrungen. Integration.
Veränderung.


Wer bisher durchgehalten hat, kriegt einen Keks ;-)

Inspiriert durch Anna O.





PS: Danke für Eure Rückmeldungen zu "honest, my dear". Wirklich - danke.

5 Kommentare:

  1. Liebe Anima,
    *lach* Es ist doch schön, wenn jemand etwas zu sagen hat, dafür macht man den Blog doch öffentlich, oder? Ich freue mich immer sehr über Ansichten von anderen, Erfahrungswerte, Rückmeldungen...
    Zu deinem Text: Ich denke, es ist zu Beginn in der Tat erst einmal ganz wichtig, zwischen "positiven" und "hilfreichen" Gedanken zu unterscheiden. Die Welt ist eben nicht schwarz-weiß, sondern hat verschiedene Farbtöne und -abstufungen. Möglicherweise klappt "fake it 'till you make it" ("Ich bin der oder die Schönste auf der ganzen Welt") für manche, für die meisten dürfte aber eine schrittweise Gedankenveränderung besser funktionieren. Von "Ich bin hässlich" zu "Ich akzeptiere mich" ist der Umweg über "Meine Knöchel sind am wenigsten schlimm an mir" nun mal oft bitter nötig. Dass das nicht ausreicht im Veränderungsprozess ist klar, dennoch braucht man zur bessere Selbstreflexion einen Überblick über eigene Gedankenmuster und Ideen für alternative Ansätze, finde ich.
    Ich persönlich habe, wie du es beschrieben hast, die Erfahrung gemacht, dass der Mut zu einer Veränderung im Verhalten mein Denken verändert hat. Beispielsweise hat mir die Entscheidung, sich nochmal emotional jemandem zu öffnen und eine therapeutische Beziehung einzugehen, durch die dabei entstandene korrigierende Erfahrung geholfen, mein Selbstbild als schreckliche, untherapierbare und hassenswerte Dauerkranke zu modifizieren. Und das wiederum ist ein wichtiger Schritt weg vom Selbsthass.
    Danke für den tollen Text (und ich bin ganz gerührt, dass ich dich zu so etwas Schönem und Weisem inspiriert haben soll!)
    Hab ein schönes Wochenende *drück*
    Anna.
    PS: Auch ich verlange einen Keks, aber bitte mit Schokolade ;)

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  2. Oooh, dann bekomme ich wohl auch einen Keks.. :)
    Ich war schon ein paar Mal hier. Immer mal wieder. Irgendwie war es aber heute an der Zeit, dir einen lieben Kommentar zu hinterlassen.
    Ich habe den Eindruck, dass du vielen Menschen hier auf Blogger mit deinen Gedanken und Worten sehr hilfst, beistehst. Das ist wundervoll.
    Du scheinst wirklich eine besondere Person zu sein. Und wie ich all dem hier entnehmen konnte, bist auch du durch die Dunkelheit gegangen und hast es trotzdem geschafft. Das freut mich! Ich hoffe, es geht dir gut.
    Danke, dass es dich gibt :)

    Alles Liebe <3

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    1. Ach Liebes,
      so in etwa ist es auch. Mein Blog ist mein Ventil und da ich ihn 4 Jahre nur für mich geführt habe, sind da natürlich hauptsächlich Dinge drauf, die ich aus Wut,Frust oder Trauer loswerden musste. Und so ist es heute noch.. Aber zum Glück ist mein Leben nicht vollkommen grau.
      Hoffentlich hast du das sonnige Wochenende genossen und tust es weiterhin.. :)

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  3. Danke für den Keks *krümelt und bröselt*
    Da merkt man es wieder: Es gibt nicht die Magersüchtige, auf die dieses Konzept zu passen hat.
    Mir hat dieses Kognitive am Meisten geholfen, das nüchtern - neutrale.

    Und ja, du bist mehr als okay :)

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