Letztens
schrieb ich über Selbstakkzeptanz und Selbstliebe.
Heute
geht mir das Thema Gedankenveränderung durch den Kopf. Ich habe dazu
unterschiedliche Empfindungen, Erinnerungen, Sichtweisen.
In
einer der ersten Fachkliniken, sehr bekannt und sehr berühmt für
ihr Essstörungskonzept, arbeitete man mit mir (und anderen)
kognitiv-verhaltenstherapeutisch. Das bedeutet, das viel wert auf
Veränderungsmöglichkeiten gelegt wird, indem man erkennt, was
verkehrt läuft, sich Fähigkeiten zur Veränderung aneignet, diese
anwendet und durch positive neue Erfahrungen Abstand zu alten
Verhaltensmustern gewinnen kann. Kurz gesagt hat es viel mit dem Kopf
und mit Üben zu tun.
Einer
der Therapeuten dort sagte oft, dass das, was wir über uns denken,
eine Einstellung oder auch eine Annahme, ein Vorurteil sei – und
dass diese zum Glück veränderbar seien.
Wer
sich in eine Therapie zb gegen ES begibt, weiß in der Regel dass und
oft auch, was falsch läuft. Da ist der Wunsch, dass es anders und
möglichst besser werden soll. Und auf der anderen Seite ist viel
Angst, viele Fragen – wer bin ich ohne meine Krankheit, wie soll
ich ohne sie zurecht kommen, was kann sie ersetzen.
In
der Therapie wurde konkret mit solchen Gedanken gearbeitet,
schriftlich. Pro und Kontra – was spricht für einen Gedanken oder
ein Verhalten und was dagegen. Vielen mit ES fiel anfangs nichts ein,
was zb „für“ ihre ES spricht. Dabei gibt es da bei jedem etwas,
ganz sicher. Sonst würde man es nicht tun.
Als
nächstes wurde ein „hilfreicher, realistischer Gedanke“
erarbeitet.
Nehmen
wir an, der erste Gedanke lautet:
Mein Bauch ist so fett, dass
ich kein Kleid anziehen kann.
Dann
könnte ein realistischer Gedanke lauten:
Ich
habe einen leichten Bauchansatz, aber ich kann trotzdem ein Kleid
tragen, und zwar eins, in dem ich mich wohl(er) fühle, weil es zb
weit geschnitten ist.
Oder
Ich
nehme meinen Bauch viel umfangreicher wahr, als andere.
Oder
Ich
bin nicht nur mein Bauch, er ist ein Teil von mir, aber nicht das
Zentrum der Welt.
Es
sollte dabei stets um hilfreiche Gedanken, nicht betont
positive a la: Ich habe den härtesten Sixpack der Nation
gehen.
Und
immer, sobald der alte Gedanke (s.o.) auftauchte, sollte der neue
dagegen gedacht werden.
Um
es kurz zu machen: ich fand das nicht hilfreich.
In
der Regel lief mein innerer Dialog ungefähr so ab:
-
du bist fett!
-
ich bin immer noch im UG, ich kann nicht fett sein...
-
mir egal, du bist trotzdem fett!
-
mein BMI ist unter 18, ich kann nicht dick sein...
-
du siehst aber fett aus, egal was der BMI sagt!
oder:
- Du bin schlecht.
-
Warum bin ich schlecht?
- Weil das so ist. Du
bist so geboren.
Und
dann dachte ich trotzig: „Jetzt habe ich den neuen Gedanken gedacht
und – und NIX! Verarscht mich doch nicht, ihr Psychos.“
Es
war frustrierend.
Es
ist viel Zeit seit dieser Klinik vergangen. Ich hatte andere
Therapien, die mich unglaublich berührt und verändert haben. Ich
habe mich mit ihnen verändert.
Und
irgendwann im Laufe einer dieser Therapien, begann ich etwas zu
wagen. Ich begann, meine eigenen Annahmen, Überzeugungen, Gedanken,
all das, was ich zu mir und meiner Person dachte, fühlte, zu wissen
glaubte, das alles teilte ich mit. Meiner Therapeutin, die ich sehr
schätzte.
Was
ich dachte:
-
ich bin eklig und abstoßend
-
ich bin hässlich
-
mein Körper ist verseucht, verschmutzt, ansteckend
-
mein Körper ist schuld
-
ich habe das verdient
-
ich bin ein schlechter Mensch
-
ich bin der letzte Dreck
-
mir darf es nicht gutgehen
-
ich muss Sport machen, um leben zu dürfen
-
ich muss mich quälen, um leben zu dürfen
-
dass ich atme ist schon Anmaßung genug
-
ich habe SVV verdient
-
ich muss mich für meine Existenz entschuldigen
-
ich bin wertlos
-
ich habe keine Rechte
-
ich muss immer nachgeben
-
niemand kann mich wirklich lieben
-
ich darf nicht essen
-
ich darf nicht gut zu mir sein
-
mein Körper darf nicht normales Gewicht haben, das steht ihm/mir
nicht zu
-
wenn ich NG habe, werden mich alle anstarren, weil ich dann so viel
Raum einnehme
-
wenn ich NG habe, passiert mir wieder dasselbe wie früher
-
wenn ich NG habe, werde ich wie früher und hasse mich noch mehr
(denn dieser Person ist all die Gewalt und das Unsagbare passiert)
-
andere Menschen wünschen mir den Tod
Und
noch mehr. Diese Gedanken waren und sind mir vollkommen vertraut. Ich
glaubte sie aus tiefster Seele. Kein „Gegengedanke“ kam mir dazu
in den Sinn. Es waren für mich schlichte Wahrheiten.
Und
gleichzeitig, gleichzeitig gab da eine Sehnsucht. Ich versteckte sie
sehr sorgfältig, denn sehnen durfte ich mich natürlich auch nicht!!
Aber
– ich sehnte mich mit jeder Faser meines Seins.
Danach,
dass jemand kommt und all diese „Gesetze“ aufhebt.
Dass
jemand kommt und sagt:
Du
bist ok. Du darfst leben. Du darfst essen. Du darfst sein. Du bist
liebenswert.
Gleichzeitig
erschrak ich bereits über diese Gedanken, wie konnte ich nur! So
etwas zu wünschen, ich, ich, wie konnte ich mich erdreisten??
Diese
Zerrissenheit tat so weh. Ich sehnte mich nach Absolution.
Aber
wer, wer sollte sie mir geben können? Wem würde ich glauben? Wer
wäre genug, um all das auszuradieren, was mir jahrelang von so
vielen Menschen eingeimpft worden ist?
Dass
mein Partner mich liebt, akzeptierte ich irgendwann – ohne es zu
verstehen.
Wie
kann man mich lieben? Was an mir?
Und
ich gebe mir so viel Mühe, liebenswert zu erscheinen! Und kam mir
immer vor wie eine Betrügerin, ich wollte den dunklen Kern in mir
verbergen. Mein wahres, hässliches, böses Ich.
Bei
jedem liebevollen Wort von außen, dachte ich : Ja, aber … !!!
(wenn du wüsstest ...)
Und ich besitze sehr viele
„Abers“.
Mit
ihnen kehrte ich jede möglicherweise positive Sicht auf mich um, ich
wehrte mich letztlich mit aller Macht dagegen.
Obwohl
ich mich zugleich doch so danach sehnte.
Paradox,
nicht wahr? Zerrissen in mir, mit aufgerissener Seele, blutigen Armen
und schmerzendem Herzen lief ich davon, rannte die Kilometer in den
Asphalt, in den Waldboden, in die Feldwege.
Ich
hatte Angst.
Angst,
was es bedeuten würde, ein anderes Denken zu wagen.
Angst,
mich darauf einzulassen.
Angst
mich zu irren. Dass der Selbsthass doch Recht hat..
Angst
vor dem Chaos.
Ich
hatte mich eingerichtet in meinem Selbsthass, ich kannte seine
scharfen Kanten, seine Schläge und Hiebe, seine ätzenden
Kommentare, seine Regeln, seine Bedingungen. Das war mein Weltbild.
Schmerzhaft, aber vertraut.
Etwas
anderes zu denken, würde mein Weltbild verändern, das, was mir
vertraut war, fortreißen.
Was
sollte mich dann noch halten?
So
bizarr es zunächst klingt:
Anders
über sich selbst zu denken, bedeutet eine riesige, bedrohliche
Veränderung.
Weil
es so fremd ist.
Und
auch, weil sich selber wertzuschätzen Konsequenzen fordert.
Wenn
ich nicht länger den Selbsthass als Basis meines Seins habe, dann
gibt es auch keinen guten Grund, schlecht mit mir umzugehen.
Moment
– das würde ja bedeuten, gesünder zu werden? Kann ich das? Wie
geht das? Was kommt dann, was bringt das mit sich?
Ich
glaube, dass diese Angst bei vielen dazu führt, dass sie lieber an
ihrem Selbsthass festhalten.
Weil
es so …. unfassbar scheint.
Dass
ich in Ordnung bin. Dass ich diesen Selbsthass gar nicht verdient
habe! Oder das, was andere Menschen mir angetan haben!
Moment,
dann sind die ja schuld und nicht ich?
Viel,
viel Verwirrung bringt ein solch verändertes Denken mit sich.
Ich
glaube, dass der Schlüssel zu einer Veränderung (im Denken und
später im Verhalten), in der Entscheidung liegt.
In
der Entscheidung, für möglich zu halten, dass all die Annahmen und
Überzeugungen, die man von sich hat, eventuell nicht stimmen.
Und
dass sich nicht die Menschen irren, die uns wertschätzen – sondern
wir uns.
Dass
wir uns aufgrund von vielen Erfahrungen möglicherweise jahrelang –
geirrt haben.
Das
braucht viel, viel Zeit. Der Selbsthass ist nicht von heute auf
Morgen entstanden und er wird auch nicht verschwinden, nur weil ich
in Erwägung ziehe, dass ich doch ein netter Mensch sein könnte.
Es
braucht Zeit und ganz viel Bestärkung von außen. Nicht so
inflationär irgendwelche klugen Sprüche aus dem Netz, sondern von
Menschen, denen man vertraut.
Bin
ich okay?
Darf
ich dasunddas?
Wie
siehst du mich?
Ich
habe Angst.
Ich
bin unsicher.
Bin
ich okay?
Bin
ich okay?
Bin
ich okay?
„Okay“
ist ein seltsames Wort für die Beziehung zu sich selbst. Aber
kommend vom Selbsthass ist es ein guter Beginn. Hoffentlich gibt es
das Gegenüber, das antwortet:
Du
bist viel mehr als okay.
Man
muss klein anfangen.
Und
man muss dazu vertrauen.
Wir
werden am Du zum Ich (Martin Buber)
Wir
wachsen durch Begegnungen. Wir brauchen Begegnungen.
Und
immer wieder
Zeit
Zeit
Geduld
Vertrauen
Sicherheit
Mut
Mut,
sich vom eigenen Denken zu trennen, wenn es nur weh tut.
Ich
habe oft, immer und immer wieder gefragt. Ohne Stimme, so leise und
auf verschlungenen Wegen, andeutend … meine Therapeutin hat mich
verstanden, aber nicht geantwortet, bis ich nicht die Worte
ausgesprochen habe.
Was
denken Sie jetzt von mir? Jetzt, wo Sie so viel wissen?
Liebe
Frau H, ohne Sie wäre so vieles nicht möglich geworden. Danke,
immer wieder. Ich vermisse Sie.
Unser
Denken ist unsere Chance, weil wir es aktiv verändern können. Nicht
unbedingt wie in der Klinik oben mit Stift und Papier.
Sondern
zusammen mit unserem Gefühl, unser Denken an die Hand nehmen und ihm
eine neue Richtung zeigen. Neue Erfahrungen. Integration.
Veränderung.
Wer
bisher durchgehalten hat, kriegt einen Keks ;-)
Inspiriert
durch Anna O.
keks!
AntwortenLöschenLiebe Anima,
AntwortenLöschen*lach* Es ist doch schön, wenn jemand etwas zu sagen hat, dafür macht man den Blog doch öffentlich, oder? Ich freue mich immer sehr über Ansichten von anderen, Erfahrungswerte, Rückmeldungen...
Zu deinem Text: Ich denke, es ist zu Beginn in der Tat erst einmal ganz wichtig, zwischen "positiven" und "hilfreichen" Gedanken zu unterscheiden. Die Welt ist eben nicht schwarz-weiß, sondern hat verschiedene Farbtöne und -abstufungen. Möglicherweise klappt "fake it 'till you make it" ("Ich bin der oder die Schönste auf der ganzen Welt") für manche, für die meisten dürfte aber eine schrittweise Gedankenveränderung besser funktionieren. Von "Ich bin hässlich" zu "Ich akzeptiere mich" ist der Umweg über "Meine Knöchel sind am wenigsten schlimm an mir" nun mal oft bitter nötig. Dass das nicht ausreicht im Veränderungsprozess ist klar, dennoch braucht man zur bessere Selbstreflexion einen Überblick über eigene Gedankenmuster und Ideen für alternative Ansätze, finde ich.
Ich persönlich habe, wie du es beschrieben hast, die Erfahrung gemacht, dass der Mut zu einer Veränderung im Verhalten mein Denken verändert hat. Beispielsweise hat mir die Entscheidung, sich nochmal emotional jemandem zu öffnen und eine therapeutische Beziehung einzugehen, durch die dabei entstandene korrigierende Erfahrung geholfen, mein Selbstbild als schreckliche, untherapierbare und hassenswerte Dauerkranke zu modifizieren. Und das wiederum ist ein wichtiger Schritt weg vom Selbsthass.
Danke für den tollen Text (und ich bin ganz gerührt, dass ich dich zu so etwas Schönem und Weisem inspiriert haben soll!)
Hab ein schönes Wochenende *drück*
Anna.
PS: Auch ich verlange einen Keks, aber bitte mit Schokolade ;)
Oooh, dann bekomme ich wohl auch einen Keks.. :)
AntwortenLöschenIch war schon ein paar Mal hier. Immer mal wieder. Irgendwie war es aber heute an der Zeit, dir einen lieben Kommentar zu hinterlassen.
Ich habe den Eindruck, dass du vielen Menschen hier auf Blogger mit deinen Gedanken und Worten sehr hilfst, beistehst. Das ist wundervoll.
Du scheinst wirklich eine besondere Person zu sein. Und wie ich all dem hier entnehmen konnte, bist auch du durch die Dunkelheit gegangen und hast es trotzdem geschafft. Das freut mich! Ich hoffe, es geht dir gut.
Danke, dass es dich gibt :)
Alles Liebe <3
Ach Liebes,
Löschenso in etwa ist es auch. Mein Blog ist mein Ventil und da ich ihn 4 Jahre nur für mich geführt habe, sind da natürlich hauptsächlich Dinge drauf, die ich aus Wut,Frust oder Trauer loswerden musste. Und so ist es heute noch.. Aber zum Glück ist mein Leben nicht vollkommen grau.
Hoffentlich hast du das sonnige Wochenende genossen und tust es weiterhin.. :)
Danke für den Keks *krümelt und bröselt*
AntwortenLöschenDa merkt man es wieder: Es gibt nicht die Magersüchtige, auf die dieses Konzept zu passen hat.
Mir hat dieses Kognitive am Meisten geholfen, das nüchtern - neutrale.
Und ja, du bist mehr als okay :)