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Sonntag, 21. Juni 2015

Essstörung und (Körper)Scham

Ich habe letztens von einer jungen Frau bei ig gelesen, die die letzten zwei Jahre stark ug war, sie verbrachte 2/3 der Zeit im KH, wurde fast durchgehend per Sonde ernährt, ihre Nieren, Leber, ihr Herz, alle zeigten starke anzeichen von Versagen, sie hatte geringe Überlebensaussichten teilweise. Da es in den USA schwierig ist mit Versicherung und Bezahlung von "treatment centern", dauerte es lange und forterte unglaubliches Engagement ihres gesamten Teams. Aber: Sie schafften es und sie flog nach Texas in eine spezielle Einrichtung. 12 Wochen war es still um das Mädchen. Nun ist sie zurück, "weight restored", ohne Sonde und - verwirrt. in den USA ist es üblich, die Patienten komplett rückwärts zu wiegen, sie erfahren ihr Gewicht also nie.
Das Mädchen stieß nun zu Hause in einer Notiz ihrer Ärztin auf die Zahl. Was folgte, waren Zusammenbrüche, Tränen, Verzweiflung, Unsicherheit.
Ihr Körper ist ihr fremd, er fühlt sich falsch, neu, ungewohnt an.

Und dann die Scham.
Sie hatte den ersten Therapietermin nach der Klinik. Es ging um exakt diese Zahl, das Gewicht, das sie so verstörte. Behutsam tastete sie sich mit der Unterstützung der Therapeutin vor. Sie konnte die Zahl nicht aussprechen, schrieb sie schließlich hinter dem Rücken der Thera auf ein Board. Dann wandte sich die Thera um - Bämm, Scham, sie sah die Zahl!
Das Mädchen selber konnte erst gar nicht hinsehen. Es dauerte lange, bis sie die reine, nackte Zahl ansehen konnte und noch länger, ehe sie sie aussprechen konnte, wagte.


Als ich 2014 in eine Klinik ging, in der ich zuletzt 2013 halbtot gewesen war, war eine meiner größten Ängste: Wie werde ich dort angesehen werden, jetzt, im NG? Werden sie entsetzt sein, was aus mir "geworden ist"? Was, wenn ich noch weiter zunehme, mit regulärem Essverhalten? Werden Kommentare kommen wie:
- Jetzt brauchen Sie doch nicht weiter zuzunehmen
- Wenn Sie unzufrieden sind mit Ihrem Gewicht, nehmen Sie halt wieder ein bisschen ab (das können Sie doch gut)
- Essen Sie halt etwas weniger
usw.

Ich konnte das mit meiner Thera vorbesprechen und Sie nahm mir etwas von den Ängsten. Trotzdem fuhr ich sehr unsicher dorthin. Allein das Gewogenwerden war jedes Mal schlimm. Und das Wissen, dass meine Thera, die ich so schätze, genau diese Zahlen sehen würde....

Und so geht es mir noch heute. Wenn ich mit Leuten Kontakt habe, die mich nur als magersüchtig kennen. Wenn Bemerkungen kommen wie "du hast doch eh keinen 18er" von Leuten, die mich NICHT sehen.

Dann empfinde ich als erstes Scham- Ohgottsiedenktichbinnochdünndabeibinich....

Ich würde mir da eine andere Empfindung wünschen:
 Hey, die hält mich noch für krank, ich bin aber so viel gesünder
(das bin ich tatsächlich, auch wenn meine Gedanken oft noch spinnen und kreisen. Aber ich fühle mich rein essenstechnisch stabil und halte auch mein Gewicht, das im absoluten NGbereich liegt. Ich erbreche nicht, esse auch schwierige LM, mache kein hclf oder anderen Kram. Selbst bei heftigen Krisen wie zuletzt habe ich keinen Verhaltensrückfall in die ES. Das Gefühl und die Gedanken werden noch Zeit brauchen. Natürlich ist dafür auch zu hinterfragen, welche Internetseiten mir dabei gut tun und welche nicht und warum ich mich von einigen nicht lösen kann, obwohl sie mich triggern...ein bischen SVV, vermute ich).

Wie ist das bei euch? Wann empfindet ihr Scham im Alltag und wie geht ihr damit um?


PS: Butterfly, Emilia : Was ist da los bei euch?

3 Kommentare:

  1. Mh, und jetzt stell dir das ganze mal vor, wenn du dein Gewicht fast verdreifacht hast :D Das ist seltsam. Das ist schambesetzt. Und wie.

    (Wenn das "in" ist, dann wäre das so ziemlich das erste Ding in meinem Leben, dass ich tue, was in ist. Das wäre cool. However, vielleicht (wahrscheinlich) kommt der Blog bald zurück. Ist nur inaktiv. Aus... Gründen. Ein bisschen schwierig, das hier öffentlich zu schreiben. Mach dir keine Sorgen. <3 )

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  2. Ich schreib dir später, bin grad am Flughafen!

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  3. Liebe Anima,
    wie geht es dir? Bezüglich Flashbacks und Co., meine ich?
    Gerade schäme ich mich für viel zu viel. Ich überlege, den Blog zu löschen.
    Ich denke ganz lieb an dich,
    Anna.

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