Wir alle sind wohl schon in Situationen gewesen, die wir rückgängig
machen wollten. Wir wollten zurücknehmen, was wir gesagt, getan oder
unterlassen hatten. Und manchmal scheint das sogar möglich. Wenn uns
das T-Shirt, das wir bei Amazon gekauft haben, nicht gefällt,
schicken wir es ZURÜCK, bekommen unser Geld ZURÜCK und alles ist,
wie es vorher war.
Wenn wir uns ein ZeitschriftenAbo haben aufschwätzen lassen, können
wir es sofort stornieren, wir bekommen nicht einmal das Geld
RÜCKerstattet, weil es noch gar nicht geflossen ist. Problem
erledigt.
Wenn wir jemanden gekränkt haben, können wir um Verzeihung bitten
und, wenn wir Glück haben, werden wir entschuldigt.
Für viele Betroffene ist die Bulimie ein Mechanismus, etwas
RÜCKgängig zu machen: man isst und isst und dann kommt das
schlechte Gewissen, die Scham und das körperliche Unwohlsein und
dann geht man zur Toilette und erbricht alles, was in einem ist und
hinterher ist es scheinbar wie vorher: der Magen entleert, die
Kalorien fort.
Ich selbst habe die Bulimie bzw das Erbrechen sehr oft und lange Zeit
so verstanden: als ein Mechanismus, mit dem ich einen Fehler
RÜCKgängig machen kann und wieder zur Ausgangssituation
zurückkehren.
Wenn ich bspw nach dem (erlaubten) Abendessen noch wahnsinnig Appetit
auf X hatte, dann konnte ich X innerhalb kurzer Zeit in mich
hineinstopfen, dann zum Klo laufen, alles auskotzen und es war wie
VOR der fetttriefenden verbotenen Speise – alles in Ordnung. Ich
hatte, so dachte ich, das Glück auf meiner Seite: ich hatte,
wenigstens einmal, das verbotene Köstliche geschmeckt, musste jedoch
nicht die gefürchteten Konsequenzen (Waage) aushalten. Es schien so
fucking perfect.
Ich habe auch die zweifelhaft positive Veranlagung, sehr einfach
erbrechen zu können. Ich brauche dazu keine Hilfsmittel, es tut
nicht weh, dauert nicht lange. Es ist nicht gerade angenehm, aber
eher lästig, dennoch in 5-10 Minuten vollbracht.
Gerade darum leuchtete mir nie so recht ein, wieso ich völlig darauf
verzichten sollte? Es kostete mich doch letztlich nichts, wenn ich es
lediglich einsetzte, um RÜCKgängig zu machen, wenn ich hier und da
mal zu viel gegessen hatte. Gut, die heftigen FAs, die wollte ich –
schweren Herzens irgendwo – loswerden. Aber warum nicht das
Erbrechen für den Notfall beibehalten? Quasi als „Pille danach“
- nicht gerade supergesund, aber vertretbar, um größeren Schaden
abzuwenden.
Ich habe auch tatsächlich Betroffene kennen gelernt, die mit dem
Erbrechen leben, bei manchen kommt es täglich dazu, bei manchen
seltener. Sie arrangieren sich damit, leiden nicht sonderlich und
wollen es auch nicht aufhören.
Ich
habe früher oft gekotzt, wenn mich einfach das Gefühl im Magen
nervte/störte. Aufs Klo, so viel rauskotzen
wie kam (ich musste bei diesem „Teilkotzen“ nicht mal bis zur
absoluten Entleerung kotzen, es reichte, bis der Druck weg war) und
mir ging es besser (Magen angenehmer) und – naja, das
Ganze hatte zwei Minuten gedauert. Schlimm? Jaja, Magensäure in der
Speiseröhre ist jetzt nicht so der Hit, aber mG Andere rauchen!
So dachte ich lange.
Heute ist mir eines
bewusst geworden und, ja, auch wenn es naiv klingt: Für mich war es
idT eine „Erkenntnis“:
Wir können nichts
im Leben je rückgängig machen.
Absolut
nichts.
Es gibt keine
Zeitreisen. Was geschehen ist, ist geschehen.
Wenn wir das
ZeitschriftenAbo sofort stornieren, scheint alles wie vorher. Aber
das ist es nicht; sollte uns ab jetzt je jemand einmal fragen, ob wir
mal ein solches Abo abgeschlossen hatten, müssten wir bejahen oder
lügen, selbst wenn wir das Abo nie in Anspruch genommen haben.
Das macht den
Unterschied.
Wenn ich mit Kreide
einen Strich auf den Boden male und ihn danach wegwasche, habe ich
nichts RÜCKgängig gemacht. Ich bin in der Zeit weiter nach vorne
gerückt: Kreidestrich – Wasser – kein Kreidestrich mehr.
Darunter ließe sich eine Zeitleiste zeichnen.
Bei allem, was wir
tun, altern wir. Manchmal Minuten, manchmal Stunden, manchmal Jahre.
Wenn ich etwas esse,
kaue, schlucke und sofort danach erbreche, wenn mein Magen hinterher
so leer ist wie vorher und ich exakt dasselbe wiege -
ich habe
nichts
RÜCKgängig
gemacht.
Es gab diesen Akt
des Erbrechens. Unleugbar.
Bulimie ist kein
Mittel, um (zu viel) essen ungeschehen machen zu können, auch wenn
es so scheint.
Auch die Pille
danach, macht nichts wirklich RÜCKgängig.
Wir gehen immer
weiter in der Zeitleiste, ein Leben lang.
Vom ungeschützten
Geschlechtsverkehr über den Gang zum Arzt, über das Rezept hin zur
Hormonbombe.
Auch wenn es so
scheint: wir sind nicht zurück, sondern nach vorn gegangen.
Wenn sich jemand
dazu entscheidet, sein Essen zu erbrechen, geht er in eine bestimmte
Richtung. Nicht zurück, zu einem vermeintlich sicheren Zustand (vor
der Nahrungsaufnahme) sondern tiefer in eine Krankheit.
Achlys, dieser
Eintrag ist besonders für euch.
Alles Liebe, Anima
PS: Was ich noch,
OT, schreiben wollte, weil einige nachfragten: „Malte“ ist nicht
autobiographisch. Aber er könnte es sein. Es gibt zu viele Maltes da
draußen.
Liebe Anima,
AntwortenLöschensehr interessanter Gedanke.
Dass du diese Erkenntnis hattest, ist sicher gut.
Und nicht nur für dich und Achlys, sondern ebenfalls für viele Andere da draußen.
Ich wünsche dir, dass du noch viele solcher Erkenntnisse hast, die es dir erleichtern, immer mehr Abstand zu kranken Verhaltensweisen zu gewinnen.
Alles Liebe,
Feli