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Freitag, 20. März 2015

Die Pille danach



Wir alle sind wohl schon in Situationen gewesen, die wir rückgängig machen wollten. Wir wollten zurücknehmen, was wir gesagt, getan oder unterlassen hatten. Und manchmal scheint das sogar möglich. Wenn uns das T-Shirt, das wir bei Amazon gekauft haben, nicht gefällt, schicken wir es ZURÜCK, bekommen unser Geld ZURÜCK und alles ist, wie es vorher war.
Wenn wir uns ein ZeitschriftenAbo haben aufschwätzen lassen, können wir es sofort stornieren, wir bekommen nicht einmal das Geld RÜCKerstattet, weil es noch gar nicht geflossen ist. Problem erledigt.
Wenn wir jemanden gekränkt haben, können wir um Verzeihung bitten und, wenn wir Glück haben, werden wir entschuldigt.

Für viele Betroffene ist die Bulimie ein Mechanismus, etwas RÜCKgängig zu machen: man isst und isst und dann kommt das schlechte Gewissen, die Scham und das körperliche Unwohlsein und dann geht man zur Toilette und erbricht alles, was in einem ist und hinterher ist es scheinbar wie vorher: der Magen entleert, die Kalorien fort.

Ich selbst habe die Bulimie bzw das Erbrechen sehr oft und lange Zeit so verstanden: als ein Mechanismus, mit dem ich einen Fehler RÜCKgängig machen kann und wieder zur Ausgangssituation zurückkehren.
Wenn ich bspw nach dem (erlaubten) Abendessen noch wahnsinnig Appetit auf X hatte, dann konnte ich X innerhalb kurzer Zeit in mich hineinstopfen, dann zum Klo laufen, alles auskotzen und es war wie VOR der fetttriefenden verbotenen Speise – alles in Ordnung. Ich hatte, so dachte ich, das Glück auf meiner Seite: ich hatte, wenigstens einmal, das verbotene Köstliche geschmeckt, musste jedoch nicht die gefürchteten Konsequenzen (Waage) aushalten. Es schien so fucking perfect.
Ich habe auch die zweifelhaft positive Veranlagung, sehr einfach erbrechen zu können. Ich brauche dazu keine Hilfsmittel, es tut nicht weh, dauert nicht lange. Es ist nicht gerade angenehm, aber eher lästig, dennoch in 5-10 Minuten vollbracht.
Gerade darum leuchtete mir nie so recht ein, wieso ich völlig darauf verzichten sollte? Es kostete mich doch letztlich nichts, wenn ich es lediglich einsetzte, um RÜCKgängig zu machen, wenn ich hier und da mal zu viel gegessen hatte. Gut, die heftigen FAs, die wollte ich – schweren Herzens irgendwo – loswerden. Aber warum nicht das Erbrechen für den Notfall beibehalten? Quasi als „Pille danach“ - nicht gerade supergesund, aber vertretbar, um größeren Schaden abzuwenden.

Ich habe auch tatsächlich Betroffene kennen gelernt, die mit dem Erbrechen leben, bei manchen kommt es täglich dazu, bei manchen seltener. Sie arrangieren sich damit, leiden nicht sonderlich und wollen es auch nicht aufhören.

Ich habe früher oft gekotzt, wenn mich einfach das Gefühl im Magen nervte/störte. Aufs Klo, so viel rauskotzen wie kam (ich musste bei diesem „Teilkotzen“ nicht mal bis zur absoluten Entleerung kotzen, es reichte, bis der Druck weg war) und mir ging es besser (Magen angenehmer) und – naja, das Ganze hatte zwei Minuten gedauert. Schlimm? Jaja, Magensäure in der Speiseröhre ist jetzt nicht so der Hit, aber mG Andere rauchen!

So dachte ich lange.

Heute ist mir eines bewusst geworden und, ja, auch wenn es naiv klingt: Für mich war es idT eine „Erkenntnis“:

Wir können nichts im Leben je rückgängig machen.
Absolut
nichts.
Es gibt keine Zeitreisen. Was geschehen ist, ist geschehen.
Wenn wir das ZeitschriftenAbo sofort stornieren, scheint alles wie vorher. Aber das ist es nicht; sollte uns ab jetzt je jemand einmal fragen, ob wir mal ein solches Abo abgeschlossen hatten, müssten wir bejahen oder lügen, selbst wenn wir das Abo nie in Anspruch genommen haben.
Das macht den Unterschied.
Wenn ich mit Kreide einen Strich auf den Boden male und ihn danach wegwasche, habe ich nichts RÜCKgängig gemacht. Ich bin in der Zeit weiter nach vorne gerückt: Kreidestrich – Wasser – kein Kreidestrich mehr. Darunter ließe sich eine Zeitleiste zeichnen.
Bei allem, was wir tun, altern wir. Manchmal Minuten, manchmal Stunden, manchmal Jahre.

Wenn ich etwas esse, kaue, schlucke und sofort danach erbreche, wenn mein Magen hinterher so leer ist wie vorher und ich exakt dasselbe wiege -
ich habe
nichts
RÜCKgängig gemacht.
Es gab diesen Akt des Erbrechens. Unleugbar.
Bulimie ist kein Mittel, um (zu viel) essen ungeschehen machen zu können, auch wenn es so scheint.
Auch die Pille danach, macht nichts wirklich RÜCKgängig.
Wir gehen immer weiter in der Zeitleiste, ein Leben lang.
Vom ungeschützten Geschlechtsverkehr über den Gang zum Arzt, über das Rezept hin zur Hormonbombe.
Auch wenn es so scheint: wir sind nicht zurück, sondern nach vorn gegangen.

Wenn sich jemand dazu entscheidet, sein Essen zu erbrechen, geht er in eine bestimmte Richtung. Nicht zurück, zu einem vermeintlich sicheren Zustand (vor der Nahrungsaufnahme) sondern tiefer in eine Krankheit.
Achlys, dieser Eintrag ist besonders für euch.

Alles Liebe, Anima


PS: Was ich noch, OT, schreiben wollte, weil einige nachfragten: „Malte“ ist nicht autobiographisch. Aber er könnte es sein. Es gibt zu viele Maltes da draußen.

1 Kommentar:

  1. Liebe Anima,

    sehr interessanter Gedanke.
    Dass du diese Erkenntnis hattest, ist sicher gut.
    Und nicht nur für dich und Achlys, sondern ebenfalls für viele Andere da draußen.

    Ich wünsche dir, dass du noch viele solcher Erkenntnisse hast, die es dir erleichtern, immer mehr Abstand zu kranken Verhaltensweisen zu gewinnen.

    Alles Liebe,
    Feli

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