stand an der Sporthallenaußenwand meiner Exexexschule. Beziehungsweise steht dort vermutlich immer noch. Ich weiß es nicht genau, aber ich nehme an, dass darunter Seneca steht.
Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.
Und weil ich auf ein humanistisches Gymnasium ging und der Satz ziemlich pipifax ist, stand gar keine Übelsetzung drunter.
Jedenfalls trug ich diesen Murx irgendwo in einer Unterschublade meine Hirns mit mir herum. Und es schien mir stimmig und passend.
Am Ende
„Und
mit diesen Sätzen wünsche ich uns allen eine erfolgreiche Zukunft!“
Das sind die letzten Worte, die Jonas an uns, sein Publikum, richtet.
Nicht gerade die sprachlich niveauvollste Abitursrede, die wir da
gerade vernommen haben, aber schließlich ist Jonas
Naturwissenschaftler, kein Germanist, Preise für die besten
Leistungen in Chemie und Physik. Trotzdem stand von Anfang an fest,
dass Jonas die Abschlussrede halten würde, immerhin ist er auch noch
Stufensprecher und Vertrauensschüler. Da verzeiht man offenbar
locker fünfzehn Minuten Geholper und Gestolper durch die deutsche
Grammatik, jedenfalls wird wild drauf los geklatscht, oder
vielleicht sind auch nur alle froh, dass der Redenmarathon nun ein
Ende hat. Vor Jonas waren nämlich bereits unser Rektor und einer der
Elternvertreter an der Reihe. Jetzt spähen die allermeisten
Augenpaare hoffnungsvoll zum Büfett hinüber, das die Leute vom
Catering bereits so appetitanregend aufgebaut haben.
„Und
nun kommen wir zur letzten Ansprache des heutigen Abends“,
verspricht Alexander, der zusammen mit Martina durch das
Rahmenprogramm führt. „Es spricht zu euch und Ihnen Malte
Buchsbauer!“
Dann
stehe ich vor ihnen. Rund dreihundert Augenpaare richten sich auf
mich, ich sehe schwarze Anzüge und schillernde Abendkleider, sehe
Scheinwerfer, die ihre Spots auf mich und die Bühne werfen, und,
weiter hinten im Raum, die wartenden Essensberge. Nun denn, lasst die
Show beginnen. Ich trete ans Mikrofon und nehme es aus der Halterung.
Ich werde der einzige heute Abend sein, der seine Rede frei hält.
„Liebe
Anwesenden“, tönt meine Stimme laut und kraftvoll durch den Saal.
Es ist nicht mehr ganz so ruhig, wie vor etwas über einer Stunde,
als der Erste mit seiner Rede hier oben loslegte. Inzwischen machen
sich Sauerstoffmangel und Hunger bemerkbar.
„Ich
bin Malte“, stelle ich fest. „Und ich stehe hier, obwohl ich
keinen einzigen Preis für irgendeine besondere schulische Leistung
bekommen habe. Ich bin weder ein talentierter Nachwuchschemiker, kein
Sprachengenie, kein Sporttalent, ja genau genommen gibt es auf den
ersten Blick nichts, was ich besonders gut kann. Mein
Abitursdurchschnitt beträgt 3,8 und es scheint klar, dass man mit
einem derart miserablen Notenschnitt kaum Aussichten auf einen
begehrten Studienplatz hat. Vielleicht, denken Sie jetzt, hat dieser
Malte dann ja schon einen Ausbildungsvertrag in der Tasche. Nun, auch
dahingehend darf ich Sie beruhigen: Habe ich nicht. Keinen
Ausbildungsvertrag, keinen Platz in einem FSJ oder Bufdi und Karriere
bei der Bundeswehr will ich auch nicht machen. Nun sehe ich die
ersten Rätselfalten auf Ihren Stirnen, was will er denn dann dort
oben, kann ich förmlich lesen, was steht er dort und warum hält
ausgerechnet dieser Junge hier und heute eine Rede, ein Junge, der
doch ganz offensichtlich ein, nun, bringen wir es auf den Punkt: ein
Versager ist. Die Antwort will ich Ihnen nicht schuldig bleiben und
sie lautet: Ich kann überleben. Darin bin ich wirklich gut, besser,
als Sie es sich vermutlich vorstellen können. Und das ist der Grund
warum ich heute zu Ihnen spreche. Vor anderthalb Jahren wurde bei mir
akute myeloische Leukämie festgestellt. Das klingt nicht nur
bösartig, das ist es auch, eine äußerst aggressive Form von
Blutkrebs, bei der entartete Zellen sich in Knochenmark und Blut
ausbreiten und gerne auch mal weitere Organe angreifen. Mit anderen
Worten: Man fängt an zu sterben. Ich weiß, an solch einem Festtage
sollte man nicht vom Tod reden und auch das K-Wort nicht aussprechen.
Doch seien Sie nachsichtig mit mir. Seit ich mit dieser Diagnose
lebe, ist das K-Wort mir so vertraut geworden, wie, sagen wir, Ihnen
womöglich Abendessen und Schweinskopfsülze. Apropos, was ich in
vielen Mienen hier lesen kann, ist blanker Hunger und das bereits
wartende Büfett tut da sicherlich das Seinige dazu. Lassen Sie sich
versichern, ich eile mich mit meinen Worten und alsbald dürfen sie
sich an all den Köstlichkeiten ausgiebig bedienen.“
Pause,
Atmen. Und weiter.
„Überleben,
so sagte ich, sei mein Talent. Und ich würde Ihnen jetzt gerne
verraten, dass mir diese Fähigkeit zu Beginn meiner Krankheit, bei
der Diagnosestellung und den ersten tränenreichen, gleichwohl wie im
Nebel verbrachten Tagen hernach noch unbekannt war, dass ich nichts
darüber wusste, wie außergewöhnlich gut ich darin bin zu
überleben. Die meisten von uns wissen das nämlich nicht über sich,
ehe sie unversehens in die Lage geraten, diese Eigenschaft unter
Beweis stellen zu müssen. Und drei Knochenmarkstransplantationen,
mehrwöchige Aufenthalte auf der Intensivstation unter absoluter
Isolation, der Verlust sämtlicher Körperbehaarung, hemmungsloses
Erbrechen nach jedweder Nahrung- oder Flüssigkeitszufuhr, nun, ich
darf Ihnen verraten: Das schult in Sachen Überlebenskunst. Aber ich
möchte Ihnen gerne noch etwas erzählen:
Ich
wusste bereits vorher, dass ich überleben kann. Dass ich unter
peinlichsten Umständen weiterleben kann, mit so viel Tränen in Hals
und Bauch, dass das Atmen kaum noch möglich erscheint, mit
fieberheißen Backen und einem Körper, der überall schmerzt, mit
Angst und Wut und Ohnmacht, mit Zorn und Verzweiflung. Woher ich das
wusste? Nun, ich wusste es, weil“,
Ich
breche ab. Der Schweiß, der mir in die Augen rinnt, hat nichts mit
dem Scheinwerferlicht zu tun. Ich schwitze wie ein Schwein, wie ein
Marathonläufer, wie ein Saunagänger nach der dritten Runde. Ich
rieche den vertrauten Geruch der Angst unter der heiteren Note meines
Aftershaves. Ich rieche mich. Wenn ich jetzt spreche, wird es wahr.
Mein Schweiß schmeckt salzig, als er mir in die Mundwinkel läuft.
„Ich
wusste es, weil ich bereits früher gelernt hatte zu überleben. Und
nicht aufgrund einer Diagnose, nicht weil ein paar hundert oder
tausend Zellen meines Körpers sich ausgedacht hatten, die anderen,
gesunden Zellen zu zerstören.“
Ich
zwinge meinen Blick auf die Meute vor mir, all die festlichen
Kleider, Glimmer und Glitter und teure Frisuren.
„Ihr
habt mich gelehrt zu überleben, liebe und liebe Mitschülerinnen und
Mitschüler. Aus Gründen, an die ihr euch vielleicht gar nicht mehr
erinnern könnt oder wollt oder die es auch einfach nie gegeben hat.
Falls es sie gab, so sind sie mir jedenfalls unbekannt. Und ihr dürft
mir glauben, ich habe unendliche Male darüber nach gegrübelt. Ich
habe darüber gegrübelt, wenn ich während der Pausen im Klo saß,
eingeschlossen und stumm vor Angst, einer von euch könnte die
Waschräume betreten und mich finden. Dabei war ich ohnehin nie
allein in diesen winzigen Zellen, ich hatte nämlich gute
Unterhaltung. „Malte ist ein blöder Wichser“ stand dort zum
Beispiel an den Wänden und: „Malte Buchsbauer hat den kleinsten
Pimmel der Welt“.
Ich
sehe ihre Verwirrung, Irritation und peinliches Berührtsein und
spreche hastig weiter:
„Aber
das war ja nur der schriftliche Teil, das war zwar beschämend und
erniedrigend, aber es tat nicht so weh, wie die Fußtritte in den
Magen, wenn einer von euch mich tatsächlich einmal im Klo erwischte.
Ihr ward ja selten allein, in der Regel kamt ihr mindestens zu zweit
oder zu dritt und dann hielt mich einer fest und der andere trat zu.
Blöd für mich, dass gerade die Doc Martens so furchtbar modern
geworden waren, diese harten Lederstiefel mit Metallspitze. Wo sie
treffen, wird die Haut erst lila-blau, dann grün, dann gelb. Und an
den Stellen, an denen sie aufreißt und blutet, vernarbt sie zu
weißen Flecken. So hat man noch sehr lange etwas davon“
Es
wird unruhig im Saal, aber noch hören sie mir zu. Ich rede nun immer
schneller, ich muss das hier zu Ende bringen, solange noch Zeit ist.
„Aber ihr ward ja nicht immer so brutal, manchmal ging das ja auch
gar nicht, wir trafen uns ja nicht immer in den Toiletten, meistens
waren es die langen Korridore und da kam doch dann und wann ein
Lehrer entlang spaziert. Da habt ihr mich dann lieber angespuckt und
zwar aus den Tiefen eurer Mägen oder Nebenhöhlen zogt ihr den Rotz
und Schnodder empor, der mir dann ins Gesicht klatschte. Man hätte
es durchaus sehen können als Lehrer, vielleicht sogar hören, hätte
man es sehen oder hören wollen. Aber auch Sie, verehrte ehemalige
Lehrerinnen und Lehrer, haben mich nicht nur in Deutsch und Englisch
geschult, sondern geradezu brillant in selektiver Wahrnehmung. Was
nicht bemerkt wird, existiert schließlich nicht und wenn es zum
Himmel stinkt. Denn, ja, auch riechen hätten Sie es können, denn
Hundescheiße an einem Anorak riecht ziemlich, nun, sagen wir,
intensiv. Sie schmeckt im Übrigen auch nicht halb so gut wie das
Büfett dort hinten schmecken wird, da bin ich mir sicher.“
Dieser
Satz gibt manchem dort unten den Rest, es wird so laut, dass
ich
unterbrechen muss und dann sehe ich, dass Dr. Herrmann, der
Rektor,
die kleine Seitentreppe auf die Bühne gelaufen kommt.
„Nun
ist aber gut, Malte“, sagt er und ich sehe seine Wut. Aber noch
habe ich das Mikro, trete ein paar Schritte von ihm weg und rede
weiter. „Jedenfalls möchte ich mich heute bei euch allen hier
bedanken, ohne euch und eure jahrelang tagtäglichen Instruktionen in
Sachen Überlebenskunst wäre ich damals mit meiner Krebsdiagnose
bestimmt nicht halb so gut fertig geworden. Danke also, danke für
jeden einzelnen Tritt und Schlag, jede öffentliche Demütigung, jede
Gemeinheit und unerwarteter Bosheit, für die Nächte voller Angst
und Selbstzweifel, für die Narben, die ich bereits lange vor
irgendeiner OP hatte, für die Erfahrung, dass Weinen und
Verzweiflung nichts ändert und dass diese Welt kein halb so guter
Ort ist, wie unsere Religionslehrer es uns weismachen möchten. Dass
Scheiße passiert, große Scheiße und kein Gott in ausgleichender
Gerechtigkeit den ewigen Zeigefinger malmend auf Übeltäter richtet.
Sondern dass das Schicksal dir mit fiesem Grinsen auch noch eine
tödliche Erkrankung herbei zaubert. Das alles durfte ich in den
unendlich vielen Tagen und Wochen unter euch, in eurer Mitte, lernen.
Dass nichts im Leben fair ist und du trotzdem jeden Morgen aufwachst
und weiterlebst, selbst, wenn du dir wünschst zu sterben. Dass ich
heute hier also so stehen und zu euch sprechen kann – das ist euer
Verdienst!“
Damit
hänge ich das Mikrofon zurück in seine Halterung, verbeuge mich
kurz und demütig, dann gehe ich möglichst ruhig vom Podium und
durch den Saal. Unten ist es auch so laut und tumultartig genug.
Das Entsetzen könnte nicht größer sein, hätte ich auf die
Häppchen gepinkelt.
Es
ist wahr geworden, ich habe es wahr werden lassen.
Es
ist vorbei und ich - Ich bin noch immer am Leben.
(Text by Anima)
Heute, viele Jahre später, blättre ich durch ein großes Nachrichtenmagazin uns lese beinahe zufällig, dass Senecas Satz anders lautete:
NON VITAE SED SCHOLAE DISCIMUS.
Nicht fürs Leben, sondern für die Schule lernen wir.
Ändert das irgendetwas? Vielleicht. Es könnte Hoffnung bedeuten. Die Hoffnung, dass wir die Schuljahre irgendwann einmal
hinter uns
lassen können.
Liebe Anima,
AntwortenLöschenwie gut kann ich mich mit Malte identifizieren. Leider...
Ob wir die Schulzeit jemals hinter uns lassen können? Wenn ich mir meine Eltern ansehe, würde ich sagen ja. Wenn ich über mich selbst nachdenke, dann hoffe ich es. Wenn ich an all die Menschen hier in der Bloggerwelt denke, dann flehe ich darum. Das wir nicht nur die Schulzeit, sondern all die Dinge, die Narben auf unseren Seelen und unseren Körpern hinterlassen haben, irgendwann verblassen. Ich hoffe, dass wir alle in eine Zukunft gehen, in der die Sonne scheint. Weil wir es verdient haben.
Ich werde spielen. Für uns. Für uns alle hier. Damit man uns hört. Versprochen.
Emilia
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
LöschenLiebe Anima,
AntwortenLöschenmein erster Impuls nach dem Lesen der ersten Zeile war es, direkt zu korrigieren: "Non vitae sed scholae discimus." Gut, dass ich bis zum Schluss gelesen habe. Abgesehen davon, wie ironisch es ist, dass eine der ersten Kritiken am Schulsystem bisheute derart missbräuchlich verwendet werden: Danke für diesen Text. Ich habe ihn und dich gelesen, verstanden, gespürt. Mit deinen Gedanken bist du nicht alleine...
Momentan habe ich noch welche an den Ohren und in der Lippe.
Das Herausnehmen der Piercings bedeutet für mich, dass ich keinen äußeren Schutz aus Metall mehr nötig habe, um mich von meiner Umwelt abzugrenzen. Metall ist Kälte, Kälte ist Schweigen, und Schweigen ist etwas, was mir nicht gut getan hat. Ja, es ist plötzlich laut und bunt, seitdem das Schweigen tot ist. Ich muss meinen Ohren Zeit geben, sich daran zu gewöhnen.
Das Zitat geht übrigens wie folgt weiter:
Silence is the enemy, so gimme gimme revolution.
Gerade konnte ich mir einen Kakao erlauben. Ich musste dabei an Anna und dich denken.
AntwortenLöschenDanke, für deine Hilfe und deine Worte. Sie tun mir gut!
Ich kann mich Anna anschließen ;) ich habe auch sofort gedacht, oha, da nutzt also mal wieder eine Schule diese Verballhornung von Senecas Ausspruch, um ihr eigenes System zu zementieren... ach wie wunderbar :P
AntwortenLöschenDanke für deinen Text <3 Dieses Aufbegehren. Dieser Mut, die Täter und Mittäter und die elenden Wegseher zu konfrontieren... ich weiß nicht genau, wie ich beschreiben soll, wie sich das anfühlt... es berührt mich, macht mich betroffen, aber auch irgendwie... stolz.
Sei lieb gegrüßt
Aryadne
Liebe Anima,
AntwortenLöschendein Text macht mich nachdenklich. Wieso hast du gerade Malte gewählt? Um es nicht so nahe an dich heranzulassen (falls es auf wahren Begebenheiten beruht)?
Sagst du denjenigen in deiner Aufzählung auch "Danke" oder machst du es im Kopf?
Danke für deinen lieben Wunsch. Du scheinst den März zu mögen.
Ich wünsche dir einen Krokus in deiner Lieblingsfarbe, an einem Ort, an dem du ihn oft sehen kannst.
Alles Liebe,
Feli