Ich arbeite beruflich mit Familien, die sich in einer schwierigen Situation befinden, in der sie nicht länger alleine zurecht kommen und Unterstützung und Hilfe brauchen. Fast immer ist eine Krankheit der Grund dafür. Und so begebe ich mich in diese Familien und jedes Mal ist es ein wenig wie eine Reise mit unbekanntem Weg und Ausgang.
Kein Einsatz, keine Familie, kein Klient ist je gleicht.
Nicht nur die Erkrankten selbst, auch wenn die Diagnosen oft ähnlich sind.
Jeder ist einzig.
Aber auch jeder Angehörige geht mit der Herausforderung unterschiedlich um. Manche können ganz dicht dran sein, tagtäglich, und übernehmen statt Ehepartner oder Kind zu sein eher die Rolle eines Elternteils für ein Kleinkind.
Manche brauchen (innere) Distanz, um weiter atmen und funktionieren zu können.
Immer aber steht der Abschied mit im Raum. Manchmal in großen, manchmal in kleinen Buchstaben, manchmal verwackelt und schief hin geschmiert, manchmal behutsam und sorgfältig kalligraphiert, manchmal so winzig, dass er kaum zu lesen ist, manchmal so blass, dass man über ihn hin weg sehen kann.
Immer aber ist er mit dabei.
Manchmal als bloße Ahnung, manchmal so stabil und fest wie aus Stein gebaut.
Wir alle haben eine Vergangenheit und meistens auch eine Zukunft. beides entzieht sich unseres Einwirkens. Echtzeit ist Jetztzeit.
So viele Jahre habe ich damit verbracht zu warten. Manchmal hätte ich Worte finden können für das, worauf ich wartete, manchmal war statt Worten nur ein Sehnen da oder eine Angst.
Ich habe so viel Zeit damit verbracht "ab morgen"
Die einzige Echtzeit ist Jetztzeit.
Früher ging ich vor der Schule manchmal über den städtischen Friedhof. Und wenn ich die Gräber sah, dachte ich: "Es ist so dermaßen scheißegal was dieser Mensch gewogen oder gegessen hat! Was hat er/sie jetzt davon, wenn er/sie einem Ideal entgegen gehungert hat und darüber 24h/7d verpasst hat, im Frieden mit sich zu sein? Wie viele Ängste hat er/sie sich in den Weg gestellt, die ihn/sie daran gehindert haben, das zu tun, was er/sie wirklich wollte? Wie oft hat er/sie nicht gesagt, was zu sagen war?
Ich liebe dich.
Bleib bei mir.
Du bist ein wertvoller Freund.
Ich bin dankbar, dich zu kennen.
Nein.
Ja.
Ich brauche deine Hilfe.
Hältst du mich, wenn ich weine?
Ich gehe jetzt.
Kennst du meinen Traum?
Ich brauche dich.
Danke.
Du bist schön.
Was hat er/sie stattdessen gesagt?
Hmmmm.
Keine Ahnung.
Ist mir egal.
Wenn du meinst.
Ich gehe einkaufen.
Tschüß.
Na und.
Mach ich morgen.
Ich hab keine Zeit.
Ja, irgendwann mal.
Jetzt nicht.
Lass mich in Ruhe.
Ich dich auch.
Bist du jetzt fertig?"
Trotzdem haben diese Gedanken zu wenig in mir bewegt, um selbst etwas zu verändern. Das "wenn, dann" war so tröstlich.
Und heute weiß ich, dass es manchmal kein "wenn" gibt.
Nur ein dann.
Und dann ist alles anders. Und vieles zu spät.
Ich lese in so viele Blogs hier von Zielen, an die Träume geknüpft werden, wie Kinder bunte Karten an Luftballons binden. Habt ihr schon einmal einen Stein an einen Luftballon gebunden?
Da ist L., die unbedingt abnehmen muss und jeden Tag vier Stunden Sport macht, die hungert und zittert, depressiv ist und die unbedingt abnehmen muss!!
Da ist F., die sich so gerne trauen würde, weil sie sich bald traut. Aber weil sie dafür in ein ganz spezielles Kleid passen muss, verschiebt sie ihren Mut.
Da ist L., die an Obdachlose Essen verschenkt, während ihr eigener Magen sich allmählich selbst verdaut vor Hunger.
Da ist A., die allen erzählt, wie toll und super es ihr geht, die andere gerne belehrt, wie man von essgestörten Zwängen wegkommt, und die selbst noch einen BMI unter 15 hat. Die in den letzten zwei Jahren jede Kliniktherapie halsüberkopf abgebrochen hat und die sich nicht eingesteht, dass der wahre Grund der ist, dass sie dort zunehmen müsste.
Da ist N., die ständig Bilder von früher postet, auf denen sie 36 kg wiegt und sagt, wie sehr sie diese Zeit zurück sehnt.
Da ist E., die glaubt, nur dünn genug stark für diese Welt zu sein.
Da ist L., die keinen Blog hat, aber eine Kinderzeichnung von sich auf dem Unterarm. Die hungert, um die Wahrheit nicht zu spüren.
Da ist M., die sanfte, kluge M., die ihren Körper und ihr Haar hinter Tüchern versteckt, weil sie sich schämt.
Und da ist C., mein Sorgenkind C. C., von der ich beinahe glaube, dass sie sterben wird. Und die jede Hilfe ablehnt.
Und da sind all die Namenlosen, die sich hinter Fantasienamen auf Instagram, Pinterest und Tumblr verstecken, und sie alle, alle warten.
Werden sie erst begreifen, wie schön sie waren, wenn sie alt sind?
super post.. wirklich, da ist so viel wahres dran. ich persönlich hab immer geglaubt ich kann erst meine träume verwirklichen wenn ich dünner bin. dabei verpasst man soo viel und es ist schlichtweg nicht wahr.
AntwortenLöschenweiter so ♥ alles liebe
Das ist grade sehr schwierig zu lesen für mich. Weil du so recht hast. Du hast einfach recht. Und ich tu so dumme Sachen. Ich möchte es ändern. Wirklich. Wie, weiss ich noch nicht, aber ich schaffe es.
AntwortenLöschenAuch Danke für deinen letzten Post. Ich konnte dir nicht schreiben, weil ich so beschäftigt war, aber ich habe ihn gelesen. Und wollte dir ein Danke für diese Worte zukommen lassen.
Liebe Grüsse dir,
Emilia
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LöschenLiebe Anima,
AntwortenLöschenes sollte keinesfalls so rüberkommen, als wolle ich Lilly Lindner böse Absichten unterstellen. Mir ist nur ihre Form der Aufarbeitung so fremd, dass ich mich vermutlich einfach nicht richtig hineinversetzen kann. Ich bin eher schweigsam; dass ich hier reden kann, hat allein den Grund, dass hier niemand mein Gesicht kennt, nur meinen Vornamen. Natürlich gibt es kein Richtig und Falsch, da hast du ganz recht.
Vielleicht sollte ich mich einfach überwinden und mal einen Blick in eines der Bücher werfen... den Horizont erweitern...
Den Satz von Astrid Lindgren kannte ich noch nicht, aber er hat mich sehr berührt. Sie hatte ja wohl auch ein nicht gerade einfaches Leben, ich bin mir sicher, sie spricht aus Erfahrung.
Diesen Wunsch kann ich nachvollziehen, ja, aber ich denke, entscheidend ist, dass wir uns selbst die Erlaubnis geben. Uns sagen, dass es okay ist, und zulassen, dass jemand den Schmerz wegstreichelt. Damit sind wir letztlich diejenige, welche den Schmerz etwas entgegensetzt - nicht Hungern, Kotzen, Klingen, sondern Zuneigung, Verständnis, Akzeptanz. Weil wir dann verstehen, dass Verbesserung nicht bedeutet, das Leid nicht anzuerkennen, und weiterleiden niemanden als uns selbst bestrafen wird.
Ehrlich gesagt hatte ich erst Angst, auch in deiner Liste aufzutauchen, und als ich "A" gelesen habe, ist mir fast das Herz stehen geblieben^^ Zwar meine ich, fast jeder Abkürzung einen Blog zuordnen zu können, aber ich bin erleichtert, keinen von ihnen zu lesen. Es ist traurig, natürlich, aber meine Meinung dazu kennst du ja...
Deinen Kommentar mit der Mailadresse habe ich nicht veröffentlicht, mir nur die Adresse gespeichert, ich hoffe, das ist in Ordnung so.
Einen schönen Abend wünsche ich dir!
Liebe Anima,
AntwortenLöschenum das Gefühl der Angst angehen zu können, muss man die Ursache herausfinden, da stimme ich dir zu. Auch, dass Angst ein Signal ist, glaube ich ebenfalls.
Ein interessanter Gedanke, die Angst als Teil von mir selbst annehmen zu müssen, um mich fortzubewegen. In dem Punkt stimme ich dir teilweise zu. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich sie manchmal ganz gezielt von mir abstreifen muss, wie einen zu langen Rock, über den ich im Gehen immer stolpere. Und dann marschiere ich los und gucke nicht mehr nach hinten. Ich lasse sie liegen und gehe auf mein Ziel zu, denn ich habe es genau im Blick und ich WILL das schaffen, ich will es so sehr, denn jeder Schritt macht mich freier.
Über meine konkrete Angst zu sprechen, ist nicht nötig. Ich "zaubere mit Worten" viel lieber, als ängstliche Sätze zu verfassen (:
Beim Lesen deines Posts habe ich mich gefragt, ob ich auch in deiner Liste auftauchen werde und nach einigen Sätzen gedacht "Nein, wahrscheinlich nicht, denn ich habe den Stein von meinem Luftballon längst abgebunden."
Und das macht mich froh. Ebenso, dass Anna nicht in der Liste auftaucht, denn sie ist ebenfalls so weit gekommen in der letzten Zeit (:
Ich wünsche dir, dass auch du deine Luftballons frei fliegen lassen und ihnen glücklich hinterher blicken kannst.
Alles Liebe,
Feli