Ihr Lieben da draußen,
angestoßen durch eure Blogs und Kommentare, schreibe ich hier einen Eintrag über meine Gedanken und Erfahrungen zum Gesünderwerden. Ich schreibe nicht "recovery" weil sich dieser Begriff allmählich verwässert und auch nicht "Gesundung" weil ich nicht weiß, ob das vollständig möglich ist. Wir tragen schließlich immer an den Erfahrungen, die wir mitbringen. Aber Veränderung ist jeden Tag möglich.
"Denken ist kein Beharren, sondern Bewegung." - Hermann Hesse
Ich bin der Überzeugung, dass die Angst dir zeigt, um was es geht.
Niemand sollte Angst vor etwas zu essen haben. (Es sei denn er ist hochallergisch :-))
Wenn du also Angstsymptome bei der Vorstellung hast, X zu essen, solltest du es tun. Jedenfalls, wenn du irgendwo in dir drin es willst. Wenn du keine Fischeier magst, musst du sie natürlich nicht essen. Wenn du aber gerne Nutellacrepe essen würdest, aber sofort Panik bekommst - dann solltest du ihn essen. Und zwar so oft, bis du KEINE Angst mehr davor hast. Was das betrifft, ist der Weg der Genesung bei einer ES schlichte Konfrontationstherapie wie bei einer Angststörung.
Der zweite Punkt, der dir vermutlich (noch) weniger gefallen wird, ist: die Akzeptanz gewisser Dinge.
Dein Gewicht. Versuche, dich der inneren Akzeptanz anzunähern, dass du als erwachsene Frau nicht das Gewicht einer 14jährigen haben kannst. Und - ja - es gibt diese Ausnahmen, deren Setpoint bei BMI 18 liegt. Meine Mutter hatte fast immer einen rund um 19 und mein Vater um 20-21. Aber es bleibt dabei: Die meisten erwachsenen Frauen haben keinen BMI von 18.
Akzeptanz bedeutet nicht, dass du das gut finden musst. Du darfst hadern, traurig sein, dich ab und zu nicht wohlfühlen - das ist okay.
NICHT okay ist Selbsthass, Selbstgeisselung, SVV, Hungern, exzessiver Sport als Antwort auf ein ungutes Körpergefühl. An dieser Stelle:
"Fett" ist KEIN GEFÜHL!!!
Wenn du dich also "fett" fühlst, versuch dich stattdessen zu fragen: Was fühle ich denn? Bin ich traurig? Wütend? Müde?
Hat mich jemand verärgert? Gekränkt? Ist mir langweilig?
Wieso komme ich von dem eigentlichen Gefühl dazu, mich "fett" zu fühlen?
Und dann, nächster Schritt:
Realitätsorientierung. Du bist nicht fett. Nicht dick, nicht üg, nicht stämmig, mollig, propper, whatever.
Egal, was du im Spiegel zu sehen glaubst. Egal, wie du dich fühlst. Denk an deinen BMI.Frag jemanden.
Du bist nicht
dick.
Dein Verstand funktioniert (noch). Vielleicht kostet es etwas mehr Anstrengung, ihn zu aktivieren, weil die AN so viele Kapazitäten abzieht. Und natürlich weil du gewohnt bist, so zu denken:
"Ich bin scheiße, hässlich, fett, blöd, undiszipliniert..."
So.
Damit
ist
jetzt
Schluß.
Oh, die Gedanken werden noch kommen. Das ist quasi der Pawlowsche Gedankensabber:
Blick in den Spiegel - Peng, Gedanken-shit-storm.
Aber an dieser Stelle kann sich dein Gehirn wieder einschalten.
Frage dich selbst:
- Ist dieser Gedanke hilfreich? Wohin führt er mich? Ist das ein wohlwollender Umgang mit mir selbst?
Und dann versuche dich in anderen Gedanken zu üben:
- Ich bin nicht dick. Aber ich bin eine (erwachsene) Frau.Ich habe Brüste, Bauch, Schenkel....ich werde lernen, das zu akzeptieren (die Hälfte der Menschheit hat schließlich (weibliche) Brüste, Bauch und Schenkel!)
- Wie viel ich esse oder wiege hat keinen unmittelbaren Einfluss darauf, ob ich in sozialen Beziehungen (Freunde, Partner, Familie, Job) gemocht, respektiert und akzeptiert werde.
- Es gibt Wichtigeres als mein Gewicht. Für andere Menschen hat es wenig Relevanz
Es wird dauern und du musst diese Sätze üben, damit sie dir vertraut werden. Aber das hast du vor langer Zeit auch mit den ESgedanken gemacht, bis sie zum Automatismus wurden.
Also, zusammengefasst: Ich glaube, ein Weg zum Gesünderwerden ist:
sich den Ängsten stellen, immer wieder
und
den inneren Fokus verändern.
Selbsthass ist kein Schicksal. Selbsthass ist veränderbar.
Du bestimmst.
Ob du es verändern möchtest.
Manchmal ist es scheinbar sicherer, im Selbsthass zu verharren.
Vertraut. Bekannt. Übersichtlich. Wenn ich mir selber mehr weh tue, als jeder andere Mensch, kann ich von Menschen nicht verletzt werden.
Es gibt keinen Grund, dich so zu verletzen.
Und wenn andere Menschen das tun sollten, dann kannst du dich heute wehren. Du bist kein Kind mehr. Du bist eine Frau - oder du kannst es sein, wenn du die Illusion Kinderkörper aufgibst.
Ich habe es an anderer Stelle schon geschrieben: erwachsene, "alte" Magersüchtige sind sehr bedauernswert. Sie haben idR kein Leben.
Aber sie sind dünn.
Alles Liebe!
Hallo liebe Anima, danke fürs lesen und dasein. meine Mutter ist eine sehr spezielle Frau und ich habe beschlossen, einfach keine Unterhaltungen dieser Art mehr mit ihr zu führen.
AntwortenLöschenDein Post hat mir mal wieder sehr gut gefallen und mich wirklich motiviert, denn du hast Recht. Ich weiß ja selbst wegen mehreren Angststörungen, dass Konfrontation meist die einzige Heilung ist. Ich kann auch nicht sagen, ob man jemals von einer ES geheilt werden kann, vor allem wenn man sie über Jahre hinweg mit sich geführt hat. Es kommt, denke ich, auch darauf an, wie sehr man bereit dazu ist, sie loszulassen, sich dieser Scheinsicherheit und Scheinkontrolle nicht mehr hingibt. Und es ist doch viel schöner ein LEBEN zu haben, als dünn zu sein. Und ja, uns sollte das wirklich einfach nur leid tun! :-)
Hallo, Nina/Anima :)
AntwortenLöschenIch weiß gerade nicht genau, wo und inwiefern wir tapfer sind, aber wenn du das sagst... ;) Dankeschön auf jeden Fall für deine Worte. ... und für diesen Post. Ich glaube, er hat hier jemanden ziemlich bewegt, aber ich bin mir noch nicht sicher, in welche Richtung. Hm.
Alles Liebe dir,
Achlys <3
Hallo Anima, vielen Dank für diesen Beitrag.Ich gehöre zwar zu den "alten" Magersüchtigen,die u.a. durch die Essstörung kein erfülltes Leben haben, doch habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben.Gerade im Moment bin ich soweit, wirklich gesund werden zu wollen und da ist dieser Post eine wirkliche Motivation. Auch auf Instagram finde ich deine Beiträge sehr gut! Viele Grüße, Tani
AntwortenLöschenLiebe Tani, leider kann ich dir nur hier antworten. ich bedanke mich für deine Worte und hoffe, dass meine über "alte Magersüchtige" dich nicht verletzt haben. Ich glaube fest daran, dass es auch nach vielen Jahren ES möglich ist, noch etwas zu verändern. Nämlich dann, wenn die Betroffene entscheidet, dass es das nicht gewesen sein kann im Leben - und dass es tatsächlich wichtigeres gibt als Hungern, Gewicht, Essen, Körperfett,Kalorien etc. Ich wünsche dir diese Entschiedenheit sehr und du darfst dich gerne immer an mich wenden, wenn du Motivation oder Ansporn brauchst. Du bist es wert! Alles liebe, Anima
LöschenLiebe Anima, du hast wahrscheinlich Recht mit dem was du schreibst, doch zum jetzigen Zeitpunkt kann ich das absolut nicht annehmen.
AntwortenLöschenMit meinem Post wollte ich diesmal tatsächlich nicht darauf hinaus solche Kommentare zu erhaschen, sondern wirklich ernstgemeinte Tip.
Ich bin seit 7 Jahren essgestört und kenne diverse Zustände in denen sich der Körper befinden kann. Ich weiß sehr gut wie es sich anfühlt, wenn der Körper Zucker/ Glucose braucht und das hat sich gestern nicht so angefühlt. Dennoch war es nach dem Essen besser, sodass ich vermute dass es wirklich daran lag. Wie gesagt, diesen Zustand kannte ich noch nicht, aber ich hoffe, dass ich ihn nicht so schnell wiedererleben muss.
<3
Liebe Anima,
AntwortenLöschennur ganz kurz: Danke für diesen Post. Ich hatte heute einen, wie du es nennst, NICHTGUTEN Tag bezüglich des Körpergefühls. Deine Zeilen zu lesen hat mir wieder etwas Mut gemacht. Mich angespornt, durchzuhalten. Danke auch für den Link, der Artikel ist sehr interessant und ich klicke mich gerade durch weitere Literatur.
Alles Liebe und eine gute Nacht dir.