Es wird ein Eintrag über Wut und Ohnmacht, über Traurigkeit und Verantwortung, ein Eintrag, der Fragen stellt, auf die es vielleicht keine Antworten gibt.
Seit einigen Monaten folge ich einem Blog. Die Verfasserin ist eine junge Frau Mitte zwanzig. Sie ist schon lange magersüchtig und sie will es auch sein. Sie propagiert dabei in keinster Weise proAna oder derartiges. Sie ist keins der jungen Mädchen, die glauben, eine Essstörung sei ein Lifestyle und skinny to the bones irgendwie cool. Sie weiß, dass diese Krankheit grausam ist. Und dennoch lehnt sie jegliche Hilfe ab. Ihr Lebensziel ist abnehmen. Fast jeden Tag schreibt sie, wie "fat" sie sei.
Als ich bei ihr zu lesen begann, lag ihr BMI bei ca 16. Heute liegt er grob geschätzt bei 12 oder darunter. Sie isst am Tag maximal 300 kcal und das seit Monaten. Häufig fastet sie auch ganz. Sie hat Schwierigkeiten mit der Flüssigkeitsaufnahme und trinkt viel zu wenig. Dennoch zwingt sie ihren Körper jeden einzelnen Tag zu mehreren Stunden Sport. Sie ist verheiratet, kinderlos, arbeitet nicht, kümmert sich um die Haustiere und den Haushalt. Und hungert. Ihr Körper zeigt deutliche Symptome, ihr ist sehr oft schwindelig, sie kippt regelmäßig um, hat massive Herzprobleme, friert entsetzlich, ist antriebslos und depressiv.
Ihr Hausarzt scheint ein ziemlicher Idiot zu sein, denn er reagiert auf die seltenen Besuche ihrerseits bei ihm kaum. Ab und zu bekommt sie Infusionen gegen die Dehydration.
Auch ihr Mann und ihre Familie unternehmen nichts. Sie reden wohl mit ihr, aber niemand tritt in Aktion.
Es macht mich fassungslos, dass diese junge Frau einfach stirbt vor aller Augen. Natürlich argumentiert sie selbst immer damit, dass niemand sie zwingen könne (doch) und dass Zwang nichts brächte. Sie will nicht zunehmen, nicht ein Gramm.
Ich will hier nicht urteilen. Ich selbst habe mein Umfeld mehrmals in kritische Situationen gebracht. Ich weiß, dass sich Angehörige an das Kranksein gewöhnen und den tatsächlich lebensbedrohlichen Zustand vielleicht falsch einschätzen. Aber es gab immer einen Punkt, an dem mein Umfeld gesagt hatz: Jetzt reicht es.
Meine Eltern brachten mich ins KH und sie hätten es zur Not auch über einen richterlichen Beschluss getan.
Mein Mann sagte zu mir: "Ich kann nicht mehr, ich halte die Angst uzm dich nicht aus. Jede Nacht werde ich wach und gucke, ob du noch atmest."
Da habe ich realisiert, wie egoistisch mich diese Krankheit gemacht hat. und was ich ihm zumute. Ihm, der der wichtigste Mensch für mich ist!
Ja, ich weiss, einige werden nun sagen: Das ist die Krankheit, dafür kannst du nichts!
Es geht mir hier auch nicht um Moral.
Aber keine Anorexie entbindet von der Verantwortung zu denken. Ja, ich weiß, dass Untergewicht das Denken einengt und verzerrt, auch das habe ich selbst erlebt. und an genau diesem Punkt festgestellt: "Ich schaffe es nicht mehr allein. Ich brauche Hilfe, wenn ich leben will."
Oh, ich war mehrfach an diesem Punkt. Jedes Mal dachte ich dieses Mal wirklich und dann kam der nächste Rückfall. Aber ich hörte nie auf...diese Krankheit so zu hassen, dass ich etwas verändern wollte!
Ich weiß, dass es oft heißt, die Betroffenen müssten für sich selbst gesund werden wollen und dass es nichts brächte, wenn man für jemand anderen gesund zu werden versuche.
Das sehe ich anders. Natürlich, ohne den WILLEN des Betroffenen wird eine echte Veränderung nicht möglich sein. Gegen diesen Willen kann man nur immer wieder versuchen das pure Leben zu retten, notfalls mit Zwang. Was im schlimmsten Fall so aussieht, dass die Kranke mit starker Gefährdung ins KH kommt, dort zwangsernährt wird, draußen wieder abnimmt usw.
Aber auch wenn der Wille fehlt - darf man einen Menschen einfach so sterben lassen?
Und darf man sich als Kranker das Recht herausnehmen, das Umfeld dazu zu verdammen, zuzusehen, dass man stirbt??
Die Bloggerin sagt immer, dass die Liebe zu ihrem Mann, an der ich nicht zweifle, nichts mit ihrer ES zu tun hätte.
Das sehe ich anders.
Mein Mann hat mal zu mir gesagt:
"Jetzt sind wir zusammen und deshalb hast du auch die Verantwortung auf dich zu achten. wenn du diese Beziehung willst."
Anders ausgedrückt: Wenn ich einen Menschen von ganzer Seele liebe, dann will ich doch, dass er glücklich ist! Denn dann ist sein Glück auch mein Glück. Und dann will ich eine Zukunft mit diesem Menschen haben.
Deshalb, wenn ich für diesen Menschen, für diese Zukunft und für sein Glück versuche gesund zu werden, dann tue ich das nicht selbstlos für einen anderen. Ich tue es immer auch für mich selbst.
Ich kann nicht von einem Menschen, den ich liebe, verlangen, meiner Selbstzerstörung beizuwohnen. Das ist grausam.
Ja, das macht die Anorexie mit Menschen, sie macht sie grausam und egoistisch.
Sie macht so viel mit Menschen.
Sie fügt so viel Leid zu.
So viel.
Ich will damit nicht sagen, dass man nur gesund werden kann, wenn man in einer Beziehung ist. Das ist quatsch. Aber was man dringend braucht, ist ein Grund leben zu wollen! Und der kann ein Studium, ein Job, eine Familienplanung, ein Auslandsaufenthalt, ein Hobby....oder ein Partner sein. Einen Grund aber braucht man.
Diese Krankheit macht mich wütend. Wütend, dass sie so viel zerstört. Aber ich bin auch wütend auf die Angehörigen, die nichts tun. So wütend!
Wie kann ihr Mann einfach nichts tun???? SIE STIRBT!
Ich bin deshalb gerade so berührt, weil die Bloggerin z Zt allein zuhause ist und in letzter Zeit sehr bedrohlich klingende Erfahrungen mit ihrem Körper gemacht hat. Weil sie massive Wassereinlagerungen hat, was auf ein mögliches Nierenversagen hindeuten kann.
Und weil ihr Kommentar dazu ist: "Meine Nieren versagen schon nicht."
Keine, keine der Magersüchtigen, die ich kannte und die starben, glaubte, dass es sie erwischen würde!
Ich bin so wütend. Und so traurig. Und so hilflos.
Der, den ich liebe ...
Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.
Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte.
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.
Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte.
(B. Brecht)
Liebe A.,
AntwortenLöschenja, du hast Recht. Sie stirbt wohl und selbst, wenn sie es irgendwie überlebt, wird sie im Herz ihrer Lieben einen irreparablen Schaden anrichten - genau das, was wir auch getan haben.
Aber weißt du, ich habe das Gefühl, du bist wieder stark im Außen, sehr bei ihr, kann das sein? Das Gedicht am Schluss löst es wieder ein wenig auf, hier entsteht der Eindruck, dass du bei deinen Gefühlen und deinen Erfahrungen bist. Ich will dir keine Ratschläge geben. Nur stelle ich mir/dir Fragen:
Macht dich das, wovon dieser Post handelt, glücklich?
Bringt es dich weiter?
Lehrt es dich (oder sie) etwas?
Du bist so stark und so weit gekommen. Lass dich nicht emotional derart von etwas einfangen, was längst hinter dir liegt.
Ich umarme dich.
Liebe Anima,
AntwortenLöschenich wünsche dir, dass du von so ganz schlimmen Richtungen, für die sich manche entscheiden, abgrenzen kannst. Ich habe das Gefühl, du legst dich da manchmal emotional zu stark rein. Das macht dich sympathisch und zeigt, wie sehr du dich um andere sorgst und kümmerst. Aber es gibt eben auch noch dich. Und so wie dein Post klingt, ist es nicht gut für dich, wenn du dich so stark damit konfrontierst. (Das ist ziemlich schwurbelig und schwierig auszudrücken, ich hoffe, du weisst, was ich meine.)
Ich schreibe das, weil du eben erst einen Post geschrieben hast, indem du genau dies formuliert hattest...
Du fasst das hoffentlich so auf, wie ich es meine:/ Nämlich nett:)
Alles Liebe,
Emilia
Ach so, was ich auch wichtig finde, dass man nur Blogs liest, von denen man sich emotional auch genug abgrenzen kann....
Löschen