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Dienstag, 24. Februar 2015

Ich bin da ganz bei Ihnen

Liebe Lena,

dieser Post ist für dich (und ein kleines wenig auch für mich).
Du bist die, die mich über whatsapp immer wieder fragt, wie es mir geht, die nicht locker lässt und die mich "Meisterin des Ablenkens" nennt.
In vielen Therapiegruppen wurde mir oft gesagt, ich sei vor allem bei den Anderen und so gar nicht bei mir selbst. Ich nickte dazu, denn es stimmte. Die Wahrheit war einfach: Ich wollte nicht bei mir sein, denn ich hielt mich für ausgesprochen schlechte Gesellschaft. Oft erschrak ich vor mir selbst und dass ich mich vor mir ekelte und mich für mich schämte erschien mir vollkommen verständlich. Ich ging davon aus, dass es jedem anderen Menschen auch so mit mir ergehen musste.
Als ich in der siebten Klasse English zu lernen begann (ich hatte mit Latein angefangen), sagte man uns, dass die Engländer einander "How are you?" fragen und dass man dann "Thanks, i am fine" antwortet. Mir erschien das ziemlich frech. Ich war weit davon entfernt, fine zu sein, nichts an mir war fine oder good.
Ich lernte, dass die einfachste Art und Weise, andere Menschen von mir abzulenken die war, auf sie selbst hin zu lenken. Indem ich dem Gegenüber so viel Zeit und Raum wie möglich gab, von sich und sich und seiner Welt und seinen Hobbies und Gefühlen und Erlebnissen zu sprechen, verschwandt ich selbst in meiner ganz und gar abstoßenden Ekelhaftigkeit, ich machte mich klein (dünn war ich schon) und durchsichtig.
Die meisten Menschen sprechen gerne über und von sich selbst.
Eine Cotherapeutin in einer Klinik sagte einmal:
"Der wichtigste Mensch in meinem Leben bin ich selbst."
Diese Aussage hat mich damals sehr verwirrt. Nichts lag mir ferner, als mich so ernst und wichtig zu nehmen.
Aber die meisten Menschen sind der wichtigste Mensch in ihrem Leben und deshalb erzählen sie anderen Menschen auch gerne von sich. Und so sahen meine Begegnungen mit ihnen meistens so aus, dass ich fragte und mich interessiert zeigte (was ich oft auch war, andere Menschen erschienen mir bunt und kostbar) und die Anderen redeten, erzählten und sprachen. Wenn wir auseinander gingen, wusste ich viel über sie und sie nichts über mich.
Mein Kopf war voll mit fremden, falschen Leben. Manchmal machte mir das Kummer, meistens machte es mich einfach nur müde. Ich wurde die Menschen generell müde, es war anstrengend, so viel zu hören und so viele fremde Leben im Kopf zu behalten. Ich war gerne alleine, auch wenn ich selbst dann nicht bei mir war. Ich war beim Hunger, unterwegs in Kaloriengärten, auf Steakstraßen und in Süßigkeitenländern. Ich sah mir Nudelstädte und Käsedörfer, an, spazierte durch Buttermuseen und Kuchenausstellungen, badete in Kabaozeanen und Caipirinhameeren. Das war mein Leben. Oder was ich dazu gemacht hatte.

Manchmal, selten, kostbar, erschütternd und berührend, traf ich auf Menschen, die Sachen sagten wie: "Nee, ich habe dich gefragt, jetzt erzähl du mal!"
Dann fühlte ich mich wie ertappt, fast schuldig. Was, wenn ich tatsächlich von mir zu erzählen begann und der Andere seinen Wunsch augenblicklich bereute (was natürlich eintreffen musste!)?"

Und so ist es noch.
Ich kann heute sagen, dass ich gerne bei mir bin. Ich finde, für mich, ich bin mir eine gute Gesellschaft. (Was sicher auch daran liegt, dass ich aufgehört habe, mich in jedem Moment, in dem ich mich irgendwie fühle, sofort bestrafen und vernichten zu wollen. Ich gehe wohlwollender mit mir um. Das macht es angenehm, bei mir zu sein.)
Nur, dass ich eventuell auch für andere Menschen eine angenehme Gesellschaft sein könnte - das kann ich noch immer kaum glauben.
Oder dass es jemanden wirklich und wahrhaftig und nichtnuraushöflichkeit interessieren könnte, wie es mir geht.

Lenchen, mein Lenchen, dies ist für dich, denn du bist die zweitbeste Ablenkerin:
für jedes wahre Wort und jeden ernstgemeinten Satz bekomme ich ein Wort und einen Satz von dir zurück?
Weil du wichtig bist.

Deine Anima

5 Kommentare:

  1. Ich glaube, auch heute magst du es noch lieber, die Leben anderer erzählt zu bekommen... Aber ich kann dich gut verstehen. Auch ich bin eher das Phantom. Über andere weiss ich so vieles, sie kaum etwas über mich. Ich habe aber festgestellt, dass die meisten dasgar nicht bemerken. Kaum jemand merkt, wie wir den Fragen so ausweichen, dass wirsie nicht beantworten müssen.
    Auf meinem Blog bist du erwünscht und ich freue mich über deine Präsenz. Ich weiss zwar nicht, wie du heisst und wie du aussiehst, wie deine Stimme klingt, wie du die Händebeim Sprechen bewegst, dennoch mag ich es, 'in deinerGesellschaft' zu sein.
    In deinem letzten Post, bin ich E, oder jemand anderes? Ich bin mir nicht ganz sicher...
    Alles Liebe,
    Emilia

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  2. Liebe A.,
    gerade heute habe ich darüber nachgedacht, dass sowohl Feli als auch du in einer Gruppe wohl die klassische Rolle des Cotherapeuten einnehmen würdet - sehr reflektiert, unglaublich gut für die Dynamik in einer Gruppe, aber stets mehr bei den anderen als bei sich selbst. Es freut mich, gerade vor diesem Hintergrund, dass du ein wenig über deine nichtgute Nacht geschrieben hast, auch wenn es schlimm ist, dass dein Schlaf momentan so unerholsam ist. Darf ich fragen, ob es dir jede Nacht so geht oder ob es im Lauf deiner Therapien besser geworden ist? GIbt es für dich andere Optionen, mit denen du von dem Schrecken loskommst, außer Tabletten?
    Mein nichtguter Tag ging so weiter, dass ich trotzdem gegessen habe - Frühstück, Mittag, ZMZ und Abend. Das miese Körpergefühl, das du ebenfalls beschrieben hast, ist nicht weg, aber vermutlich ist es gerade wichtig, es so gut es geht zu ignorieren. Denn natürlich hat es nicht wirklich etwas mit dem Körper zu tun, sondern damit, dass man sich selbst in seinem Innersten nicht besonders gut leiden kann. Wie schaffst du es denn ohne Waage? Klappt das gut, bist du in Versuchung? Und hast du manchmal Sorge, wieder ins UG zu rutschen?

    Deine Worte über deine Begleiterin haben mich zum Lächeln gebracht. Man merkt, was für eine tiefe Zuneigung du ihr gegenüber hast. Ich lese wirklich gerne von dir und kann mich Emilia nur anschließen: Bei mir bist du mehr als erwünscht, ich freue mich sehr, sehr, sehr über deine Präsenz (damit meine ich nicht nur deine konstruktiven Anmerkungen, sondern einfach sein Da-Sein).
    Alles Liebe dir und eine vorsichtige Umarmung, A.

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  3. Liebe Anima,

    deine Erfahrungen zu den Panikattacken und die Unmöglichkeit, sich zu bewegen, kann ich nachvollziehen. Es ist toll, dass du es - wenn auch qualvoll - geschafft hast, dich dennoch aus der Erstarrung zu lösen und weiterzugehen.

    Verstecke ich mich?
    Ich schreibe auch für Andere, das stimmt. Aber es ist auch für mich hilfreich, Reflexion, Inspiration, Hoffnung behalten.

    Meine Träume kannst du erkennen, wenn du meine Sätze und zwischen meinen Zeilen liest. Explizit muss ich sie nicht beschreiben, sie sind klein und flexibel und halten sich häufig und gerne in den Buchstaben auf. Ob ich einem Traum jeden Morgen nach dem Aufwachen die Tür öffne, weiß ich nicht. Aber würde ich es tun, würde ich den Traum der neuen Chance willkommen heißen.

    Auch deine Frage zu meiner Angst habe ich bereits unter deinem vorigen Post beantwortet:
    *Über meine konkrete Angst zu sprechen, ist nicht nötig. Ich "zaubere mit Worten" viel lieber, als ängstliche Sätze zu verfassen (:*

    Dass deine Ballons dich zwischendurch anstupsen und sich dadurch bemerkbar machen, ist sicher hilfreich. Kannst du annehmen, was sie dir mitteilen? Dass es gut ist, wie es ist?

    Begegnest du inzwischen mehr Menschen, die achtsam im Gespräch sind und deine Ausflüchte bemerken und ehrliche Antworten "einfordern"? Hast du in Therapien an deinem Selbstwertgefühl gearbeitet oder bist noch dabei?

    Ich wünsche dir, dass du jeden Tag mehr daran glauben kannst, erwünscht und wertvoll zu sein und dass deine Worte von Bedeutung sind und gerne gehört und verstanden werden.

    Alles Liebe,
    Feli

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  4. Liebe Anima,
    vielleicht ist dein Blog eine Möglichkeit für dich, zu erfahren, dass es Menschen gibt, die sich für das interessieren, was du von dir erzählst, wenn du es nur zulässt.
    Alles Liebe dir.

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  5. Liebe Anima,

    hast du einen aktuellen Post eben gelöscht, in dem es um Bücher ging? So etwas habe ich gerade gesehen, vielleicht vertu ich mich aber auch.

    Ja, ich verstehe, was du mir wahrscheinlich sagen möchtest.

    Das Bild der Ballons an der Decke gefällt mir.
    Du schreibst von früher, als wärest du schon älter. Verrätst du irgendwo dein Alter oder hältst du es lieber geheim?

    Wie dieser letzte Satz mit der Nacht aufgefasst wird, ist jedem Leser selbst überlassen. Ich weiß nicht, wie du auf "das Kind" kommst, aber stimme dir zu, dass es sinnvoll ist, die Angst gemeinsam anzuschauen und dann zu merken, dass sie vielleicht weniger bedrohlich ist, als es anfangs wirkte.
    Ich wollte mit diesem Satz vor allem aussagen, dass immer etwas gefunden werden kann, womit die Nacht weniger angsteinflößend werden kann. Was das ist, kann Jeder für sich selbst herausfinden.
    Kuscheltiere, neben jemand Vertrautem schlafen, vor dem ins Bett gehen ein Sorgenfresserchen mit seinen Sorgen füttern, die Bettwäsche so wählen/gestalten, dass sie keine Angst bereitet, beruhigende Fotos um den Schlafplatz aufstellen, Duftöl aufs Kissen träufeln, einen Igelball festhalten, das Handy in Reichweite legen, vor dem Einschlafen Gedanken notieren, ein Nachtlicht anmachen, ... Es gibt so viele Möglichkeiten und auch, wenn das Aushalten der Nacht die schlimmsten Stunden bedeuten, können wir sie uns ein wenig erleichtern.

    Ich wünsche dir ein immer besseres Zusammenspiel von Körper und Geist, das den Schrecken der Nacht bald dauerhaft überwindet.

    Alles Liebe,
    Feli

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